Pamukkale

Von Dr. Seltsam

Rede auf der Veranstaltung der Initiative zur Öffnung der Ruine des Pamukkale-Brunnens im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg am 30. August 2008 um 15 Uhr.

Ich weiß nicht, wie es kommt, dass ich als Einwohner des Armenbezirks Kreuzberg in die Adressenverteiler diverser Billigreisen-Anbieter geraten bin, jedenfalls war ich schon öfter für 90 Euro in der Türkei. Jedesmal gehört dazu eine Busreise über 200 Kilometer von Antalya durch das romantische Taurusgebirge bis in die Gegend von Denizli, das Industriezentrum, aus dem heute fast alle T-Shirts in Europa kommen. Hier ist totale Baumwoll-Gegend.

Nach einigen Kilometern gelangt man dann zum “Baumwollschloss”, auf türkisch Pamukkale, und regelmäßig tun sich die deutschen Mitreisenden schwer, das richtig auszusprechen. Unter lautem Prusten im Bus habe ich schon gehört: Pumuckel-Brunnen, Pumakacke, Pummelbacke. Naja, der Deutsche ist oft etwas überheblich, wenn er etwas in fremden Sprachen nicht versteht, um so notwendiger ist ein Denkmal für die deutsch-türkische Freundschaft.

Dieses Pamukkale ist ein Naturwunder, ein Weltkulturerbe, und tatsächlich ein Anblick, den man fast für übernatürlich hält. Ein 100 Meter hoher Abhang leuchtet weiß in der Sonne, ganz überraschend in der sonst kargen Gegend. Aus dem Berg darüber fließen kalkhaltige heiße Quellen den Hang hinab, die den Kalk beim Abkühlen ablagern. Sintern nennt man diesen Vorgang, und daraus entstehen lauter kleine Badebecken, die den ganzen Hang bedecken. So war es jedenfalls früher.

In den achtziger Jahren bekamen dann einge Hotelbesitzer den Hals nicht voll genug und leiteten das Kalkwasser in ihre privaten Hotel-Swimmingpools um. Das war zwar sehr schön, man konnte im Heißen schwimmen und dabei über die weite Ebene schauen, noch schöner war es, wenn man dazu ein bisschen bekifft war. Aber leider fehlte dann den freien Kalk-Sinter-Terrassen das Wasser und der weiße Wunderberg wurde immer unansehnlicher und manchmal ist schon gar kein weißer Kalk mehr zu sehen, sondern nur ein unansehnlicher grauer Schlammabhang. So hat Dummheit und Profitsucht Hand in Hand ein einzigartiges Naturwunder zerstört.

Ich finde das ein prima Beispiel für die ökonomische Globalisierung und ich freue mich sehr darüber, dass ausgerechnet der CDU-Kandidat Pflüger sich für den Erhalt dieses Brunnendenkmals in Kreuzberg einsetzen will, vielleicht hat er was dazugelernt. Obwohl ich das eigentlich nicht glauben kann. Aber wie die Berliner Zeitung vom 16. August berichtet, hat Pflüger jetzt zum ersten Mal überhaupt von diesem Brunnen hier gehört und ihn besichtigt und seine Sanierung prompt zur nationalen Aufgabe erklärt. Noch größer hatte er’s wohl nicht. Uns Kreuzberger würde es schon reichen, wenn man hier wieder rumsitzen und Theaterspielen und in Ruhe Wasserpfeifen rauchen kann und einen ungewöhnlichen Ausblick genießen statt Zäune und Müll.