Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Ich sehe in diesem Brunnen kein nationales Denkmal sondern eine Erinnerung daran, wie schön das Land Türkei ist, wie viel antike Kultur und Lebensfreude dort herrschten. So klein und hässlich dieser Pamukkale-Brunnen hier in Kreuzberg ist, macht er mich immer wahnsinnig wehmütig und ich möchte unbedingt wieder mal auf dem Forum von Hierapolis schwimmen und dann barfuß die steilen weißen Abhänge hinabglitschen, obwohl das strengstens verboten ist.
Natürlich steckt man dann zur Erinnerung an solch einen unvergleichlichen Ausflug auch ein Bröckchen weißen gesinterten Kalkstein ein, was auch strengstens verboten ist und stellt sich den zuhause auf’s Erinnerungs-Regal. Wie gesagt, für mich ist dieser Brunnen hier eine wehmütige Erinnerung an die Schönheiten der Türkei, aber bei der CDU wird’s immer gleich völkisch, ich zitiere nochmal den sehr peinlichen Bericht aus der Berliner Zeitung vom 16. August, wo der stets etwas tölpelige Spitzenkandidat der CDU seinem Ruf gerecht wird: Pflüger sieht den Brunnen zum ersten Mal und beschließt, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) höchstpersönlich einzuschalten, um sie für den Wiederaufbau des Pamukkale-Brunnens zu gewinnen. “Für ein gutes und friedliches Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken brauchen wir dieses Denkmal der Integration”, sagt er. “Das ist eine nationale Aufgabe”. Pflüger schlägt vor, private Geldgeber aufzutreiben. “Ich kenne persönlich ein paar reiche Türken”. Was für ein Idiot!
Die CDU tut gerade so als wär der Brunnen ihrer Initiative zu verdanken, dabei hat sie hier im Bezirk absolut nichts zu sagen. In meinem Wahlbezirk zum Beispiel bekam sie bei den letzten Wahlen nur viereinhalb Prozent: Eine Splitterpartei! Wenn ich das außerhalb Berlins erwähne, bekomme ich dafür regelmäßig tobenden Beifall. Jawohl. Nieder mit der Reaktion - Kreuzberger Verhältnisse überall in Deutschland! Vielleicht wäre so ein türkischer Brunnen dafür das richtige Denkmal, immerhin wollte die Türkei 1920 unter Atatürk der Sowjetunion beitreten!
Vor genau zehn Jahren wurde der Brunnen, eine zwergenhafte Nachbildung der Kalksteinterrassen von Pamukkale, eingeweiht. 1,9 Millionen Millionen Euro bezahlte der Bezirk dafür. Doch nach nur sechs Wochen wurde das Wasser abgestellt, das aus Portugal importierte Gestein bröckelte. Seitdem streiten Bezirk und Architekt vor Gericht, wer Schuld am Zerfall trägt. Der nächste Gerichtstermin ist für November 2008 angesetzt und keiner weiß was aus dem Bauwerk wird.
Was machen wir also mit diesem Brunnen, egal ob es eine nationales Denkmal für Integrationszwang oder für heuchlerische Freundschaft zur Türkei sein soll, oder nur eine Reiseerinnerung oder ein Plätzchen zum ruhigen Kiffen, so wie jetzt sieht er einfach scheiße aus und wir sind hier zusammengekommen, um zu fordern, dass sich an diesem Zustand sofort etwas ändert. Sofort, das heißt noch diesen Sommer. Zehn Jahre Gitterzaun und kaputte Steine sind genug. Es gibt verschiedene Möglichkeiten:
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
Hinterlasse eine Nachricht
Du musst angemeldet sein um einen Kommentar zu hinterlassen.