Mittlerweile zeigt uns die Türkei übrigens, wie man gegen idiotische Privatinvestoren und Geldinteressen auch vorgehen kann: Sie haben die Angeberhotels am Abhang mit Gewalt geräumt und die Schwimmbecken und Häuser abreißen lassen. Sie haben stattdessen ein öffentliches Schwimmbad in den Ruinen von Hierapolis gebaut und leiten die schmächtigen heißen Kalkbäche so geschickt über die Bergkante, dass die weißen Kalk-Sinter-Terrassen so langsam wieder anwachsen und alle Menschen was davon haben, nicht nur ein paar Hotelbesitzer und ihre reichen Gäste. Offenbar kann man im Umgang mit geldgeilen Kapitalisten noch was von der Türkei lernen, ich denke nur an Mediaspree in Kreuzberg, die kriegen ja auch den Hals nicht voll. Warum nicht dafür ein Denkmal hier?!

Jedesmal wenn wir in Pamukkale waren, besichtigten wir auch die alte Ruinen-Stadt auf dem Berg über Pamukkale. Diese Stadt hieß Hierapolis, war schon im Altertum bekannt für ihre heißen Quellen, sie wird sogar in der Bibel erwähnt, bei Paulus im Brief an die Kolosser. Sie wurde mehrmals Opfer schwerer Erdbeben, bis die Einwohner irgendwann nach dem fünften Jahrhundert keine Lust mehr hatten, sie wieder aufzubauen. Man sieht heute aber noch die riesigen Friedhöfe mit hausgroßen Sarkophagen, die gewaltigen Bögen alter Markthallen und ein gut erhaltenes Amphitheater mit einer bemerkenswerten Akustik.

Wir waren mal mit ein paar Schauspieler-Freunden dort und rezitierten Sophokles: - Ungeheuer ist viel, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch - und Shakespeares Hamlet - Monolog. Da war eine Schulklasse aus Baden Württemberg, die meinte, so toll hätte sie Literatur noch nie dargeboten bekommen und welche Texte das wären und wo man die kaufen kann. Naja, wir in Berlin haben sowas in der Schule gelernt, aber in Porsche- und Mercedes-Stadt muss man wohl mehr BWL und braves Arbeitnehmer-Benehmen lernen. So hatten wir mitten in der Türkei ein wenig zur deutschen Schüler-Rebellion beigetragen, hoffe ich.

Das 2.000 Jahre alte Forum, also der antike Marktplatz von Hierapolis ist heute in ein Schwimmbad verwandelt, man badet in den dampfenden heißen Quellen und sieht dabei die Bodenmosaiken und umgestürzten Säulen unter sich, das ist schon ungeheuer schön, besonders bei Mondlicht, und ich kann es keinem Türken verdenken, wenn er von dort kommt, dass er Sehnsucht nach seiner Heimat empfindet und dort leben will, wenn es dort nur nicht so arm wäre. Gemessen daran sieht hier im steinernen Berlin alles ziemlich langweilig und grau aus. Es gibt ja nicht mal eine alte Ruinenstadt über unserem kleinen Nachbau vom Pamukkale-Brunnen. Ist halt alles etwas piefig verglichen mit dem wirklichen Weltkulturerbestück in der Provinz Denizli.

Also, wenn ich diese Brunnenruine hier sehe, dann denke ich nicht an nationale Aufgaben, Völkerfreundschaft und solche großen Worte wie Frau Merkel sie immer heuchlerisch im Munde führt. Die meint ja, wenn sie der Türkei nur ein bisschen Honig ums Maul schmiert, dann werden die auf die Mitgliedschaft im Europäischen Markt freiwillig verzichten und damit zufrieden sein, die verlängerte Werkbank der Textildesigner und ewig arm zu bleiben. Damit sind wir, die wir alle zwei, drei Türkenfreunde haben, natürlich gar nicht einverstanden und wir wollen nicht, dass die Türkei mies behandelt wird.