ALLES TIBET ODER WAS?!

Von Katrin Maria Jonas, Junge Welt, 17. Juni 2008

Am Sonntag (15. 6. 2008) bereicherte der Berliner Kabarettist Dr. Seltsam die aktuelle Tibet-Diskussion mit einigen Enthüllungen über den Dalai Lama. In seiner Wochenschau im Max und Moritz in Berlin Kreuzberg plauderte er mit Rolf Berthold, der von 1982 bis 1990 DDR-Botschafter in China war, und Herrn Jia, Germanist und Mitorganisator der Demonstration gegen den Dalai-Lama-Besuch in Berlin.

Hauptlästerthema war, dass seine Heiligkeit von dem SS-Sturmbannführer Heinrich Harrer erzogen wurde. Das Berliner Hauptquartier “Ahnenerbe” hatte Harrer seinerzeit auf eine Rassen-Expedition in den Himalaya geschickt, um den Nanga Parbat zu besteigen und weil man dort die ursprünglichen Arier aus Atlantis/Thule vermutete. Er floh aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Tibet, wo ihn der Dalai Lama huldvoll aufnahm, und so wurde der Nazi sein väterlicher Freund und Lehrer.  Auch auf den Anführer der japanischen Aoum-Sekte, berühmt für ihre Giftgas-Anschläge, lässt der Dalai nichts kommen: “Nobody is perfect”. 

Zu der in den Medien immer wieder zitierten Klage, sein Land leide an “Überfremdung” durch die Han-Chinesen, stellte Herr Jia klar, dass Tibet zu China gehöre und jeder Chinese innerhalb Chinas das Recht habe, sich niederzulassen wo er wolle, auch in Tibet, genau wie viele Tibeter in anderen Provinzen wohnen. Die Chinesen hätten zwar in den 60er bis 80er Jahren im Rahmen von Förderprogrammen einige Ingenieure für zeitlich begrenzte Projekte gezielt ins Land geschickt, die meisten aber seien aufgrund der schwierigen Lebensbedingungen nach Abschluss ihrer Projekte wieder weggezogen.

“Nazi-Mentor, Giftgas und Überfremdung” - Dr. Seltsam fand, das passt zu der faschistischen Tradition der herrschenden Klasse in Tibet, das bis zu der 1959 von den Chinesen eingeführten demokratischen Reform eine theokratisch-feudale Sklavenhaltergesellschaft war. Der Palast in Llasa diente als  Regierungssitz, Tempel und Folterknast in einem. 95 % der tibetischen Bevölkerung waren Leibeigene und Sklaven, bettelarm und Analphabeten, die restlichen 5 % hochrangige Mönche und Adlige, die Träger der vielgerühmten tibetischen Kultur. Herr Berthold räumte ein, dass während der Kulturrevolution 1966 in der Tat viele Klöster zerstört worden seien, China habe aber über die Jahre Unsummen für den Erhalt und Wiederaufbau tibetischer Kulturdenkmäler ausgeben und vor allem in die Alphabetisierug (auf tibetisch) und Bildung der Bevölkerung investiert. Von einem “kulturellen Genozid” wie der Dalai Lama ihn beschwört, könne keine Rede sein.