Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Aber was sollen diejenigen tun, die keine Schwielen auf der Seele haben, denen “die Nase schmerzt,wenn sie sie nur aus dem Fenster halten” (Kleist). Die nicht wegschauen und nicht vergessen können.
So einer war der Maler Wolfgang Hallmann, genannt Blalla (1941-1997). Zuerst kämpfte er dagegen an, suchte praktische linke Änderungen mit Hoffmans Comic Theater, dem Vorläufer von Ton, Steine Scherben. Dann malt er laute, schreiende Bilder um mitzuteilen was immer noch da ist und verzweifelt daran, daß nur er es zu sehen scheint. Aber Leute, die schreien und fühlen und nicht aufgeben, landen im Irrenhaus, wo ihnen ihr Protest und ihre Empfindlichkeit weggemacht wird. Tatsächlich sind seine Bilder danach hell und bunt und er wird sogar Kunstprofessor in Braunschweig, aber der naive Grimm bleibt.
Nie hätte ich für möglich gehalten, daß man so etwas darstellen kann: Unter der grellen geilen Normalität hausen die KZ-Toten und bestimmen unsere Wirklichkeit (Samenbank, 1992). In der Metzelsuppe (1981) finden sich die Untaten der Wehrmacht altmeisterlich hingepinselt. Der Kunstsammler Ludwig läßt sich in Naziuniform lecken, Happening (1994). Und immer wieder Hitler, Sex, Kot, Leichenberge, Festung Europa (1991). Zu den Ereignissen in Amstetten fiel mir umstandslos Bergkirchweih (1974) ein, das am meisten österreichische Bild: Fromme Pilger strömen zur Predigt und tragen geduldig riesige Kreuze auf die Hügelkuppe; dort werden sie mithilfe sinnreich konstruierter Maschinen aufs Holz genagelt, Blut fließt in Strömen ins grüne Wiesengras, Touristengruppen sehen dem Ganzen interessiert zu und speisen im angeschlossenen Kirchengasthaus.
Die Wahrheit über Atlantis (1974): Große bunte Schiffe landen Menschenmassen am Steg einer lustigen Badeinsel an, durch einen Tunnel (Keller, Fabrikschacht) werden sie per Förderband zur Hinrichtungsstätte geführt, wo Strang, Gas und alle Arten von Metzelei über sie hereinbrechen - immer noch bunt und lustig verschwinden sie in tinguelymäßigen Verbrennungsöfen. Aus dem quietschgelben Schornstein steigen rote Luftballons mit den Seelenkörpern und verschwinden im endlosen Himmel, der nun nicht mehr fröhlich leuchtet, sondern brandrot schwelt.
Das Bad Auschwitzer Sternensinger Ensemble tanzt (1981): Auf diesem Bild tanzen Gestalten in Feuerofen und Gaskammer zugleich, naiv gemalt wie von dem Zöllner Rousseau. Aber was heißt in diesem Zusammenhang “naiv”? Blalla Hallmann hat das so empfunden und mußte es so malen, im gleichen Stil schuf er Gesund durch Ausschwitzen (1981) mit einer Reihe erhängter Gerippe in KZ-Uniform. Grauenhaft.
Wahrscheinlich gibt es Leute, die nicht merken, dass in diesen Bildern nicht nur unsere Vergangenheit sondern auch unsere barbarische Zukunft enthalten ist, ähnlich wie in den Werken von Hieronymus Bosch, der um 1500 die seelischen Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges prophezeite. Seine eigene Gegenwart hätte Herr F. aus Amstetten in Blallas Bildern wiedererkannt: Verkohlte Babyleichen neben bunten Spielsachen in einem technisch durchdachten Raum. Das klingt wie ein Bildtitel von Hallmann.
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heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
Dr. Seltsam
31. Juli 2008 um 0:10 Uhr
Blalla Hallmann ist nicht so unbekannt, wie er hier dargestellt wird, immerhin war er zuletzt Kunstprofessor in Braunschweig und auf der Dokumenta X 1997 in Kassel. Vgl. “Mit Karl Kot und Bob Eiter” in Kunstzeitung 12/1997 von K.Schmid