Der Maler Blalla W. Hallmann und das Monster von Amstetten

Buntes Auschwitz oder: Die eigene Gaskammer im Keller.

Kreuzberger “endart”-Künstler in neuem Buch!

Von Dr. Seltsam, Junge Welt Feuilleton, 31. Juli 2008

Im März 1946 fand vor einem Pariser Gericht ein heute erstaunlicherweise vergessener Prozeß statt. Marcel Petiot hatte während der Besatzung durch die Nazis Juden gegen Geld Fluchthilfe aus Paris angeboten. Sobald er das Geld erhalten hatte, tötete Petiot die Flüchtlinge in seinem Keller in einer selbst gebauten Gaskammer. Er wurde wegen 24fachen Mordes verurteilt, in seinem Haus fand man das Gepäck seiner Opfer, fein säuberlich nummeriert und aufgestapelt wie die Koffer in Auschwitz.

Das war 1946. 2008 schreibt Elfriede Jelinek in ihrem Weblog über den schrecklichen Josef F., den Pappi von Amstetten, daß er sich, ebenfalls im Keller, sämtliche Patriarchen-Träume erfüllt hat: Er war für seine Gefangenen Gottvater, Vater und Großvater in einer Person, Schöpfer einer höllischen Trinität. Am Mondsee besaß er ein Sommerhäuschen, dort wo vor 65 Jahren die Nazis ganz in der Nähe eins der schrecklichsten KZ betrieben. Tief unten im Berg produzierten Zwangsarbeiter Teile für die V2.

Zufällig lernte ich einen der letzten Überlebenden dieses Lagers kennen, ein Pole, der nach 1945 dageblieben war. Er hatte geheiratet und ein kleines Haus gebaut inmitten eines paradiesischen Blumengartens und führte jetzt Touristen durch die unterirdische Fabrik. Ich fragte ihn, wie er das aushält, an diesem Ort des Verbrechens zu leben. “Die Gemeinde hat die KZ-Grundstücke ganz billig abgegeben”, sagte er, “so kam auch ich zu meinem Haus, und im übrigen ist es ja nun vorbei” …

Es ist aber nicht vorbei. Unentdeckt, ohne Umerziehung und angefüllt mit den Idealen ihrer Jugend bauen die praktischen Beton-Ingenieure was sie am liebsten haben: Die eigene private Gaskammer im Keller … Antifaschist sein heißt, Menschen, die unter Hitler ihre schönste Zeit hatten, vom Gegenteil zu überzeugen.