Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Hier ein Auszug aus meiner Rede:
“Wir linken Berliner mögen den Potsdamer Platz nicht. Wir wissen, er wurde nur gebaut, damit die Daimler Chrysler AG die nächsten zehn Jahre keine Steuern bezahlen muss und daß unter anderem deswegen kein Geld für Kindergärten und Universitäten mehr in den öffentlichen Kassen ist.
Früher konnte man genau an dieser Stelle im Schutz der Berliner Mauer seltene Blumen sehen, riesige Kaninchen und blaue Eidechsen, sogar mal Reiher tanzen im Abenddämmer. Die Mauer stand bekanntlich auf DDR-Gebiet, einige Meter zurückgesetzt, und die West-Berliner Polizei wurde von den Ost-Grenzern regelmäßig in gewohntem Sächsisch von ihrem “Derridorium” verwiesen, wenn sie uns wegen Haschischrauchen im Mauerstreifen verhaften wollte.
Vielleicht haben Sie sogar von der Legende vom Kubat-Dreieck gehört: Genau dieses Stück Boden, wo heute das SONY Dreieck ist, also genau hier, kam im Zuge eines Landtausches im Juli 1988 zu Westberlin und war den ganzen Sommer vorher staatenlos. Tausende junge Abenteuerer aus aller Welt zogen hierher, bauten Zelte und Hütten auf und führten ein freies alternatives Leben, experimentierten mit Sonnenkollektoren für warme Duschen und Fahrraddynamos zum Betrieb der leider unentbehrlichen Gitarrenlautsprecher. Eine schöne Zeit. Am Ende stürmte die Westberliner Polizei den Platz - über 250 junge Menschen flohen über die Mauer, aber in umgekehrter Richtung.
Das ist der Ökofilm, der jedesmal vor meinem inneren Auge abläuft, wenn ich den Potsdamer Platz betrete. dahinten zwischen Reihe zehn und elf, da stand die Mauer damals, da hatte, wie Biermann sang, die Welt ihr Arschloch, vielleicht können Sie es jetzt noch riechen.
Jetzt stehen hier die Prachtbauten von internationalen Architekturbüros : Unter Feng-Shui-Gesichtspunkten ist die ganze Potsdamer Platz Anlage eine einzige Katastrophe. Diese ganzen spitzen Winkel und konkaven Flächen, die Halbkreise und offenen Treppen, das lädt doch die bösen Drachenwinde geradezu ein zum Verweilen. Kein Wunder, dass die Bahn schon pleite ist. Vielleicht ist SONY als nächstes dran …”
(Neues Deutschland 1. Juli 2008 / Junge Welt 1. Juli 2008 / Dr. Seltsams Wochenschau 22. Juni 2008 / DKP- Straßenfest Berlin Mitte 12. Juli 2008 / Berliner Anzeiger Juni 2008 / Urfassung Tageszeitung 13. August 1988 / Kreuzberg-Chronik Nr.59/60 August-September 2004. Rede für ECOMOVE 22. November 2003 Sony-Center)
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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