Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Am Ende lebten dort ca. dreihundert Menschen in Zelten und improvisierten Bretterbuden. Unter dem Schutz der Grenzer, die auf Leitern kletterten, um über die Mauerkrone hinweg alles neugierig zu registrieren, entwickelte sich eine Art Freiheit, von der die Dabeigewesenen noch heute schwärmen.
Die Westpolizei tobte, schikanierte und provozierte und wollte täglich “das Gesocks da” abräumen, aber die Ostgrenzer verwiesen sie stets strenge von ihrem “Derridorium”. Über die Mauer lächelnd schützten sie das wilde gute Leben, während Tausende Polittouristen täglich die Staatsfeinde besuchten und sich erstaunlich willig anbetteln ließen. Dieses antiautoritäre “Gallische Dorf” hat allen Spaß gemacht, weil es den Gedanken an Revolte wachhielt. Die Berliner Provinzpresse tat alles in ihrer Macht Stehende, um dieses einzigartige Sozial-Biotop zu verketzern statt mit diesem welthistorische Experiment anzugeben. Die Bewohner nannten es Kubatland in Erinnerung an den dem jungen Kreuzberger Norbert Kubat, der am 1. Mai 1987 verhaftet und im Gefängnis zu Tode gekommen war.
“Seit 5.45 wird jetzt zurückgeschossen!” verkündete ein Polizeisprecher scherzhaft vor Journalisten, als morgens pünktlich der Krieg gegen die Wehrlosen losbrach. Mit Panzern trauten sie sich endlich auf den Kreuzberger Tiänanmenplatz, Wasserwerfer schossen alles kurz und klein und die harmlosen Jugendlichen wurden derart dicht mit CS eingegast, dass kilometerweit die ganze Umgebung verpestet war. Am 1. Juli 1988 stürmte die Polizei kriegsmäßig das Gelände, riss Häuser und Zelte mit Bulldozern ein, vernichtete Kunstwerke, Tiere, Dynamos, Musikinstrumente und von manchem das letzte Eigentum. Zweihundert junge Leute (an Honecker wurde 196 gemeldet) flüchteten vor den Gasgranaten und Panzerwagen des westdeutschen Polizeistaates auf wackeligen Leitern über die Mauer, sie erhielten Kaffee, Zigaretten und kurzes Asyl.
Die Stasi half die Leute später in kleinen Gruppen über U-und S-Bahnen zu in den Westen zurückzuführen, so dass keiner von der Westpolizei gefangen wurde, eine logistische Meisterleistung der langjährigen Schleusererfahrung der Ost-Geheimen. Einige Westflüchtlinge wollten sogar in der DDR um politisches Asyl bitten ,aber ich glaube sie waren den sympathisierenden Staatssozialisten politisch zu unheimlich und im übrigen ja ungewaschen. Für die Linken in aller Welt aber sollte man den 1. Juli zum Ehrentag der DDR-Grenzer erklären, bevor dieses Heldenstück in Vergessenheit gerät. Von Antifa bis Stasi – alle in einer Front gegen das Kapital, das war unser kurzer Traum: Die Linke muss zusammenhalten!
Diese Erinnerung ist der Weltpresse keine Zeile wert, wenn sie über die Mauerjahrestage schreibt. Es ist für die Antikommunisten aller Schattierungen ja auch zu und zu peinlich, daß ausgerechnet das Prunkstück ihrer Kalte-Kriegs-Hetze gegen sie zeugt: Tatsächlich ist es ein unumstößliches historisches Faktum, daß über die Mauer mehr Leute von West nach Ost geflüchtet sind als umgekehrt! Ewiger Dank Euch Grepo-Genossen am Kubatland!
Fünfzehn Jahre später hatte ich Gelegenheit, auf diese Ereignisse zurückzukommen. Das sehr feine Naturfilm-Festival Ecomove hatte mich eingeladen, in einem der Schachtelkinos unter dem Sony-Platz die Preisrede zu halten; dieser Versuchung konnte ich nicht widerstehen, und so patzte ich mitten in die erwartungsvollen Gesichter der Führungscrew von Sony Europa in Reihe 10 die Wahrheit darüber, wem die Erinnerung an dieses Gelände eigentlich gehört. Leider gab es danach kein Ecomove mehr, ich hoffe aber, es lag nicht an meinem diplomatischen Ungeschick.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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