Vorschlag für einen Ehrentag der DDR-Grenzsoldaten
Zur Erinnerung an den 1. Juli 1988 / Kubatdreieck

Das wilde süße Leben und die Mauer

von Dr. Seltsam

Drei Jahrzehnte lang lag Kreuzberg, der östlichste Stadtbezirk des “Freien” Westens, von der Mauer wie von einem sanften Boxerhandschuh fest umschlossen derart in die große Grenzbeuge eingefügt, daß zu Zeiten politischer Aufregung, etwa beim Berlin-Besuch des geisteskranken US-Präsidenten Reagan, ein Dutzend Polizeiwannen reichten, um den verdächtigen SO-36-Pöbel entlang des Landwehrkanals einen ganzen Tag lang einzusperren.

Aber wer da ein- und wer ausgesperrt war, ist nicht immer klar gewesen. Ich erinnere mich mit Freude an eine Aktion des BUM (Büro für ungewöhnliche Maßnahmen) mit dem humorvollen Event-Erfinder Kurt Jotter. Die Kottbusser Brücke wurde mit Mauer-Attrappen abgesperrt, Pässe gestempelt bei Aus- und Einreise, und mehr oder weniger ernsthaft die Ausrufung der Kommune Kreuzberg erwogen – eine auch heute noch verlockende Idee!

Jedenfalls hatte die Grenze für Kreuzberger wenig Schrecken, im Gegenteil. Die Mauer der letzten Jahre, das war der einzige ruhige Platz in Berlin. Stundenlange Spaziergänge vom Rauchhaus bis zum Reichstag, unbelästigt von kontrollierenden Zivilstreifen, das war im Zuge der präventiven Straßensäuberungen, die Innensenator Kewenig zur Vorbereitung der IWF-Gipfel durchzog, nur noch auf dem schmalen Grenzstreifen vor der Mauer möglich, überall sonst wurde gefilzt, geschlagen, wegverhaftet, wer nicht gerade Schlips und Anzug trug und wie ein Banker aussah. Bekanntlich verlief die Mauer nicht genau auf der Grenzlinie, sondern drei bis fünf Meter nach Osten versetzt, und da durfte kein Westpolizist seinen Fuß hinsetzen. Ich wüßte nicht, wo man sich so ruhig nackt sonnen konnte, ein Haschischpfeifchen reinziehen oder sich lieben konnte wie auf der Lohmühleninsel an den Treptower Ufern.

Einmal, ich glaube 1987, gab es in der Zimmerstraße eine mörderische Prügelei von Kreuzberger Linken mit der faschistischen  Moon-Sekte, in Todesangst flohen unsere Antifas auf den Mauerstreifen und wurden von den DDR-Grenzern vor den rechten Schlägern beschützt, endlich entsprach der “antifaschistische Schutzwall” mal seinem Namen. Ausgerechnet die ehemals linke Taz mokierte sich über dieses »groteske Bündnis Stasi-Antifa«; dem Redakteur Gerd Nowakowski (heute Tagesspiegel-Berlin-Chef) wurde für diese Gemeinheit im Waldekiez sein Auto demoliert, allerdings während er drinsaß …

Unvergleichlich schön für alle die es miterlebten war der Mythos Kubat-Land. Ende der Achtziger hatte die DDR es fast geschafft, vom anderen deutschen Staat nicht mehr als irreales “Phänomen” (Adenauer oder Kiesinger), sondern als Verhandlungspartner anerkannt zu werden. Ganz vernünftig wurden einige unsinnige Geländeareale ausgetauscht, zum Beispiel die Brücke am Neuköllner Kiehlufer, was den Anwohnern kilometerlange Umwege ersparte.

Größtes Stück war das sogenannte Lenné-Dreieck im Tiergarten, genau wo heute das Sony-Center am Potsdamer Platz liegt (andere sagen, es war dort wo heute das Beisheim-Center steht). Die DDR hatte es Anfang Mai bereits geräumt, es gehörte ihr aber noch, die Westpolizei durfte es nicht betreten; mithin gab es direkt im Schutz der Mauer zwei Monate lang von Mai bis 1. Juli  1988 ein staatenloses Gebiet von einigen tausend Quadratmetern, in das binnen weniger Tage Freaks, Gammler und Anarchisten aus ganz Europa einsickerten und ein selbstorganisiertes Gelände wie in Kopenhagen-Christiania oder Züri-Ost aufbauten. Es gab alternative Stromquellen, so daß man TV und Konzerte organisieren konnte. Kochen, Klauen, Kloake und täglicher Kampf mit den Westbullen an der eigenen “Grenze” wurde kollektiv und demokratisch geplant nach den Prinzipien der Pariser Kommune: Die Beschließenden waren auch die Ausführenden.