Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Rede zur Jugendfeier 2008 im Deutschen Freidenker-Verband
3. Mai 2008
Planetarium Berlin, Prenzlauer Allee
Liebe Jugendliche!
Liebe Eltern, Omas und Opas, Geschwister und Gäste!
Eine Freundin von mir, Sabine, hat eine Tochter in eurem Alter, die heißt Niki. Neulich wunderte sich Sabine, daß es so ungewöhnlich ruhig im Haus war, sie klopfte an Nikis Tür - keine Reaktion. Sie öffnete und fand ganz unerwartet das Zimmer picobello aufgeräumt, das Bett ordentlich gemacht und auf der Decke lag ein Papierbogen. Sie las:
“Liebe Mutti, du brauchst nicht nach mir zu suchen, ich bin mit meinem Freund Mahmud nach Algerien unterwegs, er will mir unbedingt vor seinem Tod mal den Sternenhimmel in der Wüste zeigen; denn er hat AIDS und muß bald sterben. Vielleicht kann ich Ihm seinen größten Wunsch erfüllen und ein Kind von ihm bekommen. Meine Freundin Renate kommt auch mit, sie hat sich unsterblich in Kasim verliebt und sie hofft, daß sie ihn in seiner Heimat von seiner Drogensucht heilen kann. Gegen Kiffen ist ja nichts einzuwenden, das machen wir auch mit, aber fürs Heroinspritzen sind wir noch zu jung, obwohl wir es alle gemeinsam bald mal versuchen werden, Mahmud sagt, das ist ein ganz tolles Gefühl, besonders wenn man’s gemeinsam in einer befreundeten Gruppe tut. Du brauchst dir keine Sorgen um uns zu machen, wir nehmen Papas Auto mit und verkaufen es da unten, damit wir Geld zum Essen haben. Tschüss, Niki.
P.S. Ist alles Quatsch, ich wollte dir nur zeigen daß es Schlimmeres gibt als ne Sechs in Mathe, die ich auf dem Zeugnis habe, das zur Unterschrift auf dem Schreibtisch liegt. Heute Abend bin ich pünktlich zum Essen da. Ich liebe Euch! Deine Niki.”
Man muß sagen, daß das wirklich cool war.
Und cool sein, also unter allen Umständen seine Würde wahren, um sich nicht verletzt zu fühlen, ist natürlich das Wichtigste im Leben! Manche Leute vergessen vor lauter Darauf-Achten ob sie cool wirken, alles andere. Aber es gibt Dinge im Leben wo man nicht mehr cool bleiben kann, Liebeskummer gehört definitiv dazu, und Pickel. Beides wird Euch nicht erspart bleiben, denn da muß jeder durch und ihr könnt nichts Besseres tun als euch rechtzeitig darauf einzustellen.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
Hinterlasse eine Nachricht
Du musst angemeldet sein um einen Kommentar zu hinterlassen.