Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Auf jeden Fall habe ich mich mit Religionen und Glaubensrichtungen beschäftigt. Ich habe viele Geschichten gelernt und mit einer will ich jetzt schließen. Es ist ein jüdischer Witz. Das ist vielleicht etwas komisch für eine Freidenker-Feier, aber es ist ein Appell an jeden, seine eigene Überzeugung nicht für schlauer zu halten als alle anderen. Es gibt leider überall Menschen, die Andersgläubige für minderwertig halten, und für die ist dieser schöne jüdische Witz.
Ihr wisst ja, die Nazis haben im zweiten Weltkrieg neben dreißig Millionen Sowjetbürgern und Angehörigen anderer Nationen auch sechs Millionen Juden umgebracht. Die Nazis hatten die Juden zu Feinden erklärt, weil sie das deutsche Volk für ihren Krieg zusammenschweißen und zu gehorsamen Soldaten machen wollten. Einigen Juden gelang rechtzeitig die Flucht nach England und die Familie, von der ich erzählen will, stammte aus Berlin und war schon immer fortschrittlich emanzipiert, antireligös und atheistisch. Im Unterschied zu den Juden glauben die Christen daran, dass der eine große Gott sich in drei Personen aufspaltet, erstens Gottvater im Himmel, zweitens Jesus, der Mensch wurde und drittens den Heiligen Geist. Der Einfachheit halber nennt die Kirche diese Figur die Heilige Dreieinigkeit oder auf lateinisch die Trinität. Unsere Jüdische Flüchtlingsfamilie lebt nun also 1938 in London und der Sohn schafft es, an der weltberühmten Universität von Oxford angenommen zu werden mit den Tausend Jahre alten Traditions-Colleges, die christliche Namen haben. Unter anderem gibt es dort auch das Trinity-College, das nach der christlichen Dreieinigkeit benannt wurde.
Am ersten freien Wochenende kommt nun der Sohn nach Hause und erzählt seinem stolzen Vater:
Daddy, weißt du eigentlich, daß ich jetzt am Trinity College studiere!? Der Vater wird sehr erbost und haut wütend auf den Tisch: Was, am Trinitäts-College? Merk dir eins, mein Sohn: es gibt nur Einen Gott und wir glauben NICHT an ihn!
Möglicherweise war das jetzt etwas zu hoch, aber in einigen Wochen wird Euch diese Geschichte plötzlich wieder einfallen und ihr werdet sie verstehen und ziemlich daRüber lachen, so ging es mir jedenfalls damit.
Ich glaube, mit diesem sehr toleranten Witz habe ich den Weg geebnet für das Video von den Bösen Mädchen über Toleranz für Ausländer und dafür, daß alle Menschen gleich viel wert sind. Ich danke euch fürs Zuhören. (Beifall)
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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