Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Andere gute erste Gedanken sind zum Beispiel: Wer bei allem nur nach dem Preis fragt, wird sich am Ende selbst verkaufen.
Oder: Was alle denken, ist schon falsch.
Oder: Ich glaub ich bin zu fett fürs Fernsehballett.
Probiert es mal und, tut mir einen persönlichen Gefallen, auch wenn Ihr das jetzt noch nicht einseht: Schreibt es auf! Ich würde vieles darum geben, wenn ich mit dreizehn, vierzehn Tagebuch geführt hätte, denn später kann man diese wilde Zeit der tobenden Hormone und der durcheinanderrasenden Lebensentwürfe nie mehr zurückholen.
Alle Älteren beneiden Euch um diese drei nächsten Jahre Eures Lebens, wo man so vieles zum ersten mal erlebt. Es ist vielleicht nicht die leichteste Zeit, aber die schönste und aufregendste. Ich hoffe sehr, daß ihr diese Jugend genießen könnt und nicht von Problemen überschwemmt werdet und Euch nicht langweilt und Ihr nicht eure Tage vertun müsst mit Dingen die euch nicht gefallen.
Besonders die Schule ist oft ein Hort der Langeweile. Als ich so alt war wie ihr, hatten wir noch sehr strenge Lehrer und es erforderte großen Mut, ihnen überhaupt zu widersprechen, oft wurden wir sogar noch in der Schule geschlagen. Sobald man 14 ist, herrscht ja Religionsfreiheit, das heißt man kann selbst entscheiden, ob man am Religionsunterricht teilnehmen will oder zu einer Kirche gehören will oder nicht. Das war bei uns damals noch ganz neu. Ich war von meinen Eltern sehr christlich erzogen worden, so sehr, daß ich nachts manchmal Angstträume bekam, daß jetzt der Herr Jesus in seiner Aura leuchtend vor meinem Bett stehen würde und mich holen will, falls ich jetzt die Augen aufmachen würde. Das war eine echte Psychose, was die Erwachsenen da mit mir angestellt hatten.
Und ich weiß noch wie froh ich war, daß man nicht glauben m u ss t e, sondern daß man auch ohne Religion ganz gut durchs Leben kommt, eine echte Befreiung.
So saß ich dann im Religionsunterricht und kritisierte den ganzen Glaubenskram; der Lehrer wollte mich rausschmeißen und sagte: Du brauchst doch gar nicht hier zu sein, geh doch nach Hause! Aber ich krähte dann, wahrlich mutiger als ich heute bin: Nein! Ich bin kämpferischer Atheist und will hier Propaganda für meine Überzeugung machen. Obwohl ich der einzige war, der überhaupt mitarbeitete, bekam ich eine Sechs, jedes Jahr wieder. Wahrscheinlich wäre ich sehr froh gewesen, wenn es für uns damals so eine Möglichkeit der nichtreligiösen Jugendfeier gegeben hätte wie hier, aber ich lebte in einer kleinen Stadt in Schleswig-Holstein und da gab es sowas nicht, der Westen war da etwas rückständig.
Aber immerhin lernte ich auf diese Weise die Bibel und andere Religionen ziemlich gut kennen und fand, daß es in jeder Glaubensrichtung vernünftige Ideen gibt und vernünftige Leute, aber auch reine Teufel, vor allem die religiösen Führer, sozusagen Gottes Bodenpersonal. Religion ist absolute Privatsache, finde ich, das heißt daß jeder Mensch glauben darf was er will und daß einem das kein Staat und keine Partei vorschreiben darf oder dareinreden.
Aber Gläubige organisieren sich in Kirchen und da gibt es dann auf einmal Macht und Geld und Herrschafts-Ansprüche. Es gibt sogar ganze Staaten, die auf Religion beruhen und Leute, die einen anderen Glauben annehmen, bestrafen. Auch in kleinen privaten Religionsgemeinschaften werden manchmal Kinder mißbraucht oder Menschen zum Selbstmord getrieben oder die Gedanken kontrolliert. Alle möglichen Glaubensrichtungen versuchen gerade mit der Bürgerinitiative Pro Reli an unseren Schulen Einfluß zu gewinnen und Gelder zu bekommen. Ich finde aber die totale Trennung von Staat und Religion nötig, denn sobald der Staat die Kirchen unterhält, werden sie zu Machtausübenden und werden damit immer irgendjemanden unterdrücken.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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