Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Es wird in Eurem Leben Situationen geben wird, wo ihr nicht mehr alleine klarkommt und wo auch der größte Held, der tollste Star andere Leute um Hilfe bitten muß.
In dem Haus, wo meine Freundin wohnt, praktiziert auch ein berühmter Stimmarzt. Manchmal begegne ich im Treppenhaus dem kleinen Bill von Tokio Hotel. Der hat natürlich wie jeder Mensch Angst vorm Arzt und Angst davor, nicht mehr singen zu können. Statt mit dieser Angst umzugehen, umgibt er sich mit vier riesengroßen Bodyguards, als ob wir Nachbarn in dem Treppenhaus über ihn herfallen würden. Selbst vor der Haustür stehen nur drei junge dicke Mädchen, die ihm mit sehnsüchtigen Augen nachblicken und ihn mit Teddys bewerfen - nichts, womit er nicht auch selber ganz allein klarkommen würde. Aber er hat solche Angst, daß er mit Riesen-Bodyguards versucht dagegen anzugehen. Aber das nützt nichts, die Angst sitzt innen drin und fertig werden muß man damit selbst. Das nämlich ist cool.
Angst hat jeder. Ich hab zum Beispiel Angst daß ich mich hier verhaspel oder das Wasser umschmeiße und ich mich unsterblich vor euch blamiere. Cool sein heißt nicht: keine Angst haben, sondern: Mit der Angst umgehen lernen.
Und man kann andere um Hilfe bitten. Alle Leute hier und viele andere, mich eingeschlossen, werden für Euch da sein und euch zu helfen versuchen, wenn ihr fragt. Manchmal braucht man einen Außenstehenden, deswegen bekommt ihr nachher meinen Redetext und da steht meine Telefonnummer drauf, falls ihr was von mir wissen wollt. Man kann nicht mit jedem Problem zu jedem Menschen gehen, man sucht sich aus, wen man um Hilfe bittet. Es gibt für euch bald keine lieben Mamis mehr, die sich Sorgen machen und fragen, was hat das Kind denn bloß. Man muß schon den Mund aufmachen; ab jetzt müßt Ihr selbst ansagen, was Euch fehlt und was ihr wollt.
Dazu dient diese kleine Feier heute. Ab jetzt werdet Ihr immer mehr als Erwachsene angesehen und behandelt werden, das heißt als Menschen, die für ihre Handlungen selbst verantwortlich sind und die Folgen tragen müssen und sich nicht mehr rausreden können: Das wußte ich nicht, das kann ich nicht, da hab ich keine Meinung zu, oh bitte tu mir nichts, ich hab’s nicht so gemeint. Das alles geht nur, solange man Kind ist und Kind bleiben will.
Wenn Ihr Geschäfte abschließt, werdet ihr den Kaufpreis selbst bezahlen müssen.
Wenn Ihr unvorsichtig Drogen nehmt, selbst harmlosen Alkohol, kann euer Gehirn kaputtgehen, und das ist schon schlimmer als ein Loch im Kopf im Sandkasten, das wieder zuwächst.
Wenn Ihr mit Mofas oder bald Autos fahren dürft, so könnt ihr damit nun richtig Schaden anrichten und Menschen töten, anders als mit dem Fahrrad. Obwohl es - gerade in Berlin - haufenweise Radfahrer gibt, die immer wieder versuchen, Leute auf dem Fußweg umzunieten! Das muß auch mal gesagt werden!
Wenn ihr jetzt bei Laden-Diebstahl oder Zerschneiden von S-Bahnsitzen oder Graffittisprayen erwischt werdet, müßt Ihr es bezahlen und Ihr werdet bestraft.
Wenn Ihr am 1. Mai nach Kreuzberg fahrt und auf der Demo Steine schmeißt und die Polizei kriegt Euch, geht es euch schlecht. Ich sage nicht, daß man das nicht machen darf, ich sage nur, man soll sich überlegen was man macht, schließlich bin ich selbst Kreuzberger und bin auf jeder Demo dabei. Aber entscheidend ist, daß Ihr das selber wollt und euch nicht von einer Clique oder Gruppe oder Freunden zu irgendwas überreden lasst.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
Hinterlasse eine Nachricht
Du musst angemeldet sein um einen Kommentar zu hinterlassen.