Brief an den Parteitag der Linkspartei

am 24./25. Mai 2008 in Cottbus

Von Dr. Seltsam

Junge Welt 23. Mai 2008
Dr. Seltsams Wochenschau 1. Juni 2008
Querkopf Juli 2008

Die Linke ist mehr als die Partei. Sie umfasst auch hunderttausende Unorganisierte, die die Nase voll haben von Koalitionen und Anpassertum und von Euch reale Machtpolitik erwarten - praktische Hilfe gegen Verelendung statt Regierungsprojekte. Millionen Arme und Ärmste haben keine politische Vertretung mehr außer Euch. Weil Ihr nirgends vor Ort seid, wisst Ihr nicht, was ganz unten los ist: die herzzerreißenden Szenen auf den Ämtern, wenn es kein Geld für Windeln gibt, die Verzweiflung der Selbstmörder, die am Fünfzehnten des Monats keinen Cent mehr auf Tasche haben, die Schmerzen der Omas, die erst in zwei Wochen zum Arzt gehen können, weil ihnen die zehn Euro Praxisgebühr fehlen.

Das kann sich ein Abgeordneter eben nicht vorstellen, der nicht nur 8.000 Euro Staatsknete bekommt, Freifahrt in Bahn und Flieger, Chauffeure in ekelhaften Protzautos und mit den Helferjobs das absolutistische Verfügungsrecht über eine Handvoll Menschen, die meist klüger sind als er selber. Dazu Aufsichtsratsposten, Stiftungspräsidien und Studienreisen nach Bedarf. Wenn ihr das alles zusammenrechnet, verfügt jeder Abgeordnete im Monat über soviel Geld wie hundert Hartz-4-Opfer. Ein Leben gegen Hundert - das verschaffen wir Euch, Eure Wähler, und was kriegen wir dafür? Den Hohn eines Parteifunktionärs, die Partei müsse sich davor hüten, Politik nur für Arme zu machen!

Die Kommunisten waren immer die Partei der Armen, der Ausgegrenzten, der Arbeitslosen, der Hoffnungslosen und Hungerleider - genau der Menschen, über die die Berliner Boygroup die Nase rümpft und die sie gar nicht berührt. Aber in allen westlichen Ländern kümmert sich die linke Partei um die Unberührbaren, hat eigene Sozialprojekte und Altenheime. Die case di popolo in Italien etwa sind Arbeitslosencafés, soziale Treffpunkte für eigene Verbindungen und Kultur, abseits und gegen den Mainstream, und gleichzeitig Anlaufstelle für die Partei. Solche Projekte überläßt man in Deutschland den Nazis und den Kirchen. Linke Politik ist stets praktische Hilfe für die Allerärmsten und wenn das in Berlin nicht so klappt, dann entweder deswegen, weil man gar nicht links ist oder weil man keine Ahnung von praktischer Politik hat.

Mittlerweile machen die Berliner Tafel und die Heilsarmee mehr linke Aktion als die Partei. In Kreuzberg hat der Pfarrer Rutkowski ein Gemeindehaus kurzerhand zum Säuferheim umfunktioniert, weil er nicht ertrug, wie ein Obdachloser sich eine Handvoll Maden aus seinem entzündeten Bein kratzte. Das Karl-Liebknecht-Haus als AIDS-Hospiz – so was kann sich der einfache Parteifunktionär gar nicht vorstellen: Wo soll er denn dann seine Akten lagern? Weil die Partei im Westen zu lange verboten war, hat sie jeden Kontakt zur Sozialarbeit verloren, und im Osten konnte man es guten Gewissens der staatlichen Fürsorge überlassen. Die Ostfunktionäre wissen gar nicht, was kapitalistisches Elend ist, sie scheinen in völliger sozialer Blindheit zu leben.