Der Marquis von O.

3. Oktober 1889 - 4. Mai 1938

Junge Welt vom 3./4. Mai 2008

Vor siebzig Jahren, am 4. Mai 1938 starb der Herausgeber einer der wichtigsten Zeitschriften der Weimarer Republik, der “Weltbühne” (WB). Carl von Ossietzky starb nicht im KZ, wie Erich Mühsam und so viele Autoren vor ihm, sondern in einem Berliner Krankenhaus. Dennoch war er ein direktes Opfer der Nazischergen, denn während drei Jahren KZ-Haft hatten sie ihn  hungern lassen und gequält und schließlich alle Voraussetzungen dafür geschaffen, daß er sich mit TBC infizierte und bald nach seiner bedingten Freilassung verstarb. Das war der vorläufige Sieg der deutschen reaktionären Militär- und Nazikaste über einen ihrer genauesten Feinde. Der erbitterte Kleinkrieg, der zu diesem Ende führte, begann bereits über zehn Jahre vorher mit Versuchen, Ossietzky mit allen, vor allem juristischen Mitteln, zum Schweigen zu bringen. Der kleine gequälte Mann war einer der mutigsten Kämpfer gegen Militär und Reaktion, die Deutschland jemals hervorgebracht hat, schon deshalb sehen seine Feinde, die Kriegshelden von der Obersten Heeresleitung bis heute ziemlich feige aus.

Nach der leider nur vorübergehenden Niederlage des deutschen Imperialismus 1945 steht der Kampf zwischen Militarismus und linksliberaler Friedenshoffnung heute wieder unentschieden, und wie sehr Menschen seiner Art fehlen merkt man zum Beispiel daran, daß alte Sozialdemokraten die Bundesarmee am Hindukusch rechtfertigen und neue Sozialdemokraten von der PDS-Boygroup die Politik für Arme belächeln können ohne daß sie bis ins Mark blamiert wären. Zwar hatte auch die “Weltbühne” seinerzeit keine große Auflage, aber Journalisten wie Tucholsky, der Pazifist Gerlach, Kisch, Weinert, Kästner, Kraus, und andere unabhängige kritische Schriftsteller wurden gehört und gefürchtet und es war der Reaktion immerhin noch peinlich, wenn ihre Machenschaften ins scharfe Licht der Presse gerieten.

“Das ist das Erschütternde an dem gegenwärtigen Zustand: nicht der Faschismus siegt, die andern passen sich ihm an”, so versuchte Ossietzky die linke Politik zum Jagen zu tragen, stets bemüht, alle Kräfte gegen die aufkommende Nazipest zu bündeln, etwa als die SPD auf einen eigenen Kandidaten zur Reichspräsidentenwahl verzichtete und den senilen Völkermörder Hindenburg unterstützte in der absurden Hoffnung, damit Hitler zu bremsen: “Man muß festhalten: die Stimme für Thälmann bedeutet kein Vertrauensvotum für die Kommunistische Partei … , Linkspolitik heißt die Kraft dort einsetzen, wo ein Mann der Linken im Kampfe steht. Thälmann ist der einzige, alles andere ist mehr oder weniger nuancierte Reaktion. Das erleichtert die Wahl … Je besser Thälmann abschneidet, desto deutlicher wird demonstriert, welch einen Erfolg eine sozialistische Einheitskandidatur hätte haben können. Auf diese Lektion kommt es an. Die Hindenburg- Koalition zwischen ausgedienten Hofdamen der Monarchie und den  kommenden Höflingen der diktatorischen Republik ist ein Produkt der Parteibüros, die das Tastgefühl für die Schwankungen der Wählerschaft verloren haben. Deutschland hat in diesen Jahren zuviel gehungert, um sich seine Entscheidung von Pietät bestimmen zu lassen. Die meisten haben nichts zu gewinnen, wohl aber eine verlorene Existenz zu rächen. ” (WB 1. 3. 1932)

Ist das nicht wie aus dem Herzen der Hartz-IV-Opfer gesprochen?! Dies Zitat nur aus einer einzigen Nummer der Weltbühne zeigt einen solchen Reichtum an politischer Kombinationsgabe und Fähigkeit zum Schimpfen, wie man sie heute in der linksliberalen Presse vergeblich sucht.