Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Deutsche Oper Berlin, 2. März 2008
Von Katrin Maria Jonas in Junge Welt, 4. März 2008
“Der Fluch meines gequälten Herzens soll über euch kommen”, das haben sich wohl auch die wütenden Altersheim-Abonnenten nach der Premiere von “Aida” am 2.März in der Deutschen Oper gedacht haben, so donnernd flogen ihre Buhrufe den amerikanischen Regisseuren Christopher Alden und Roy Rallo beim Schlussapplaus um die Ohren. Eigentlich sind es die Worte der Pharaonentochter Amneris, die das Schicksal ihres Traummannes Radamès beklagt, der sich, statt sie zu ehelichen, lieber wegen Landesverrats zum Tode verurteilen und mit der Äthiopierin Aida lebendig einmauern lässt. Einmauern? Pustekuchen.
Dazu bräuchte man mindestens eine Pyramide und die gibt es auf der schicken modernen Bühne von Andrew Liebermann nicht, auch keine Pharao-Goldmasken, keine Hieroglyphen und keine nackerten Soldaten. Nicht mal die lebensgroßen plüschigen Steiff-Elefanten, mit denen die Deutsche Oper auf den Postern für ihre Inszenierung wirbt, sind zu sehen. Statt dessen vier Stunden lang das graugrüne Marmor-Foyer eines Banken-Palastes mit Wasserbassin, in dem Aida am Ende wie Hamlets Ophelia als Wasserleiche schwimmt.
Das Publikum konnte die Übertragung des Aida-Plots in ein amerikanisches Sektenambiente, in dem die Protagonisten in Mormonen- und BdM-Outfit wie ferngesteuert herumspazieren und ihre Kriege “im Namen des Herrn” führen, offenbar nicht mit seiner Kitscherwartung á la Arena di Verona in Übereinstimmung bringen. Vermutlich fanden die Leute es nicht legitim, Verdis teilweise überirdisch schöne Musik für comic-artige Kritik an der Bush-Regierung zu benutzen, die dramaturgisch nicht durchgehalten wurde.
Doch was treibt eigentlich eine Verächterin der Gattung “lautes Pathos-in-Zeitlupe” in eine Premiere der Westoper? Ganz einfach: Es war eine Revolution angekündigt: Unter Führung des Kabarettisten und Verdi-Mitglieds Dr. Seltsam wollten Hunderte von Arbeitern der Berliner Opern die Bühne stürmen und mit vorbereiteten Transparenten (“VERDI + Tarifvertrag = AIDA”) nebst Statements die anwesenden Politiker, allen voran den amtierenden Kultursenator Wowereit, in die Zange nehmen. Währenddessen sollte auf dem Vorplatz der Deutschen Oper eine Solidaritätsabordnung von zwanzig Kehrmaschinen der BSR unablässig “den Dreck wegmachen” - zwischen den anrollenden Staatskarossen. So war der Plan. LKA und BKA aber erklärten kurzfristig alles zur “Sicherheitszone” und drohten, Demonstranten notfalls mit Waffengewalt zu entfernen. Soweit ist es also: Der Staatsschutz kann nach eigenem Gusto in Kultur und Protest eingreifen, ganz wie es seinem paranoiden Oberbefehlshaber Schäuble passt, der übrigens auch ins Parkett rollte.
Stattdessen wurde die Aktion “abgespeckt”: Die Intendantin Harms trat vor den roten Vorhang und erläuterte charmant, dass der Protest der 800 Handwerker aus dem “nicht künstlerischen Bereich” der Opernstiftung berechtigt sei, weil sie seit vier Jahren auf den Abschluss eines versprochenen Tarifvertrags warten. Dann kam Toni Winter, die Leiterin der Putzmacherei der Opernstiftung, flankiert von drei Arbeitern mit Minitransparenten, und erklärte dem Publikum die Problematik: Die Abkoppelung der “nichtkünstlerischen Mitarbeiter” vom Tarifvertrag und damit von Fortschritten im öffentlichen Dienst. Sie forderte Wowereit frontal auf, unter kräftigem Applaus und Bravorufen aus dem Publikum, das endlich zu ändern. Dieser erklärte später vor der anwesenden Presse: “Ich weiß davon nichts”. Jetzt weiß er’s!
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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