Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Die inzwischen gängige, marktförmige Verwertung von Geschichte mit ihrem zum raschen Verbrauch bestimmten Angebot historischer Lesarten lenkt ab vom Interesse an Empirie, an sorgfältiger Betrachtung vergangener Wirklichkeit. Da lässt sich vieles verkaufen, was einer Qualitätskontrolle nicht standhalten würde.
Die von Aly offerierte Deutung von Geschichte hat ihre Ambitionen in der politischen Gegenwart: Wer sich 1933 vorstellt als Zugriff einer “Jugendbewegung” und das NS-Regime als “Jugenddiktatur”, der kann getrost verzichten auf Fragen nach dem Interesse “alter” damaliger Machteliten an einem faschistischen System, auch nach der Wirksamkeit kapitalistischer Herrschafts- und Expansionsantriebe in der Politik des “Dritten Reichs”.
Solche Scheuklappen gegenüber der Realität der Geschichte haben aktuelle Folgen. Wer 1968 missversteht als spezifisch deutschen Ausbruch einer puren Jugendrevolte, generationenpsychologisch verkürzt auf die Rebellion von “Söhnen”, die gegen ihre “Väter” angehen und es ihnen doch gleichtun wollten, der verdrängt - mit Konsequenzen für die Gegenwart - gesellschaftsgeschichtliche Vorgänge und Sachverhalte -, dass 1968 keine plötzlich-einmalige Blitzbegebenheit aus heiterem Himmel war, sondern so etwas wie eine situative Zuspitzung eines lang andauernden Konflikts; dass es sich um eine internationale Kette von vielgestaltigen Aktionen gegen imperialistische Kriegspolitik (im Mittelpunkt: der Krieg der USA in Vietnam) handelte; dass zugleich Widerstand versucht wurde gegen westliche Staats- und Fabrikherren wie gegen herrschende Bürokraten im Ostblock; und dass es keineswegs nur Studenten und junge Leute waren, die da aufbegehrten, sondern ebenso Arbeiterinnen oder Arbeiter und durchaus bejahrte Menschen.
Götz Aly - er ist da nicht der einzige Ex-68er - betreibt geschichtspolitische Demagogie, und dabei ist es üblich, ein Stück Wahrheit zu verwenden, um die größere Portion Unwahrheit attraktiv zu machen. Zweifellos war das 68er Milieu in seiner deutschen studentischen Variante nicht frei von Verhaltensweisen, die an fragwürdige Seiten der klassischen bürgerlichen Jugendbewegung erinnerten: Elitäre Selbstüberschätzung, aggressive Abgrenzung gegenüber potenziellen Verbündeten, Vorzeige”radikalität”, kostümierende Übernahme vergangener oder fern gelegener “Modelle”, Unterschätzung der strategischen Fähigkeiten des herrschenden Systems. Auch damit hängt es zusammen, dass viele, die als junge Menschen am “Ereignis 1968” beteiligt oder von diesem beeindruckt waren, in politische Sackgassen gerieten oder sich ins Gehege politischer Konformität zurückbegaben.
Freilich ist die Reue über politische “Jugendsünden” wie auch deren listige Verwendung für Karrieren im “Establishment” historisch nichts Neues; schon im 19. Jahrhundert stellten sich etliche Aktivisten des “tollen Jahres 1848” später in den Dienst der Bismarck’schen “Blut-und-Eisen”-Politik. So muss es nicht verwundern, dass sich in unseren Zeiten einige “revolutionäre Kämpfer” in Profis der Machtpolitik und -publizistik verwandelten, diesmal zumeist auf Pfaden durch “grünes” Terrain.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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