Dass das dann alles anders wurde, ist zum nicht geringen Teil Albert Nordens Braunbuch zu verdanken. Plötzlich begriffen wir: Die Lügen haben einen Sinn! Sie sollen verbergen, dass wir von Verbrechern beherrscht werden. Nimm einen dieser etablierten Schönredner mal ein bischen hart ran, kratz an der Oberfläche, und schon steht vor dir ein Nazi-Mitläufer, ein kleiner ängstlicher PG (NS-Jargon für Parteigenosse), der sich bisher so durchgewurschtelt hat. Dem Direktor unserer Schule konnten wir Lobeshymnen an Hitler “Aus dem Schützengraben” nachweisen im Lübecker Jahrbuch “Der Wagen”. Er war aber nie im Schützengraben, sondern als Supernazi binnen Monaten vom Assessor zum Direktor befördert worden. Unser linkskatholischer Vertrauenslehrer bat uns unter Tränen, auf eine Veröffentlichung zu verzichten, weil der “Chef” herzleidend wäre. Aus Anstand gehorchten wir, aber wir hatten ihn jetzt in der Hand und beide Seiten wußten das. Krieg herrschte.

Die NPD kam nach Lübeck und unser Chemie-Genie klaute Brom aus der Schule für Tränengasbomben gegen die Polzeipferde; er wurde erwischt, flog von der Schule und die ganze Lübecker Jugend trat in den Streik. Das war die bis dahin schönste Woche meines Lebens. Mit der Polizei spielten wir Einkriegen und gewannen. Kulturminister Braune kam nach Lübeck und wurde von uns in der Volkshochschule niedergeschrien bis zum Nervenzuzusammenbruch. Richtig so, mit diesem Pack hatten wir jetzt kein Mitleid mehr. Ich zumindest hatte im Braunbuch gelernt, was sie den Völkern Europas angetan hatten.

Hinzu kam die Lübke-Affäre. Im Braunbuch und anderen Schriften hatte Albert Norden enthüllt, dass unser Bundespräsident als Architekt am Bau von KZ-Baracken und Kriegs-Laboratorien führend beteiligt gewesen war. Die Bundesregierung sagte: “Alles Fälschung” und wir kleinen Schüler wurden extrem bedroht, mit Vorladung zur Kripo, Staatsschutz, Jugendamt, Schultadel usw., wenn wir darüber nicht den Mund hielten. Dann erschien die Frankfurter Zeitung “Pardon” und brachte jeden Monat neue Enthüllungen und Witze über Lübkes Dummheit und sogar eine Schallplatte mit seinen Reden in Afrika u.a. Wir veranstalteten Haschparties und bogen uns vor Lachen. Binnen weniger Wochen hatte die Bourgeoisie eine ganze Generation von Jugendlichen komplett verloren, sogar die Burschen von der Jungen Union lachten mit, sogar in Kirchengruppen wurde die Platte bei Tanzvergnügen abgespielt. Diese eine kleine Lüge, das war der Dammbruch der Antiautoritären Bewegung. Der größte Nachkriegsfehler der Deutschen Bourgeoisie: Lübke nicht sofort fallenzulassen. Sie dachten, mit Globke, Stuckart, Oberländer ist es gutgegangen, da kommen wir diesmal auch mit Lübke durch. Die Folge waren die heißen zehn Jahre 1967 bis 1977.

Und was hat es die Bourgeoisie für Winkelzüge und Opfer gekostet, um die nächste Jugendgeneration und die 68er wieder einzufangen: Die Grüne Partei mußte klug die Opposition und die Marxistische Gesellschaftskritik vernichten, an vielen Fronten mußte das Kapital scheinbar nachgeben und ihren Nachkriegsnazikapitalismus “modernisieren”. Buback, Ponto, Schleyer (auch er schon 1965 im Braunbuch!) starben für ihre Klasse , Kiesinger (Braunbuch!) wurde moralisch vernichtet durch die öffentliche Ohrfeige von Beate Klarsfeld, Marinerichter Filbinger durch den mutigen Schriftsteller Rolf Hochhuth. Sie, die Altnazis, die überall saßen und ihre Seilschaften betrieben, die sich einst Herren der Welt dünkten, von ihnen nahm nun kein Hund mehr ein Stück Wurst.

Es half nichts: man mußte sogar den bei den Herrschenden unbeliebten Willi Brandt an die Regierung lassen, - der antifaschistische Emigrant, von dem es in Lübeck hieß, er habe vor seiner Flucht in der Burgstraße zwei SA-Schergen totgeschlagen. Er war ein bißchen unser Held, jedenfalls Hoffungsträger, und da er traditionell seine letzte Wahlkampfrede immer auf dem Lübecker Marktplatz hielt und danach seine Mutter besuchte, die bei uns eine Ecke weiter in der Hansestraße sehr bescheiden zur Miete wohnte, sahen wir stolz und begeistert auf den riesigen Mercedes samt Eskorte und dachten: Sieh mal an, man kann aus Lübeck stammen und es dennoch zu was bringen… Wir jugendlichen Antifaschisten und Rebellen fühlten, wir hatten die Nazifeste Westdeutschland mit unseren antiautoritären Diskussionsforderungen sturmreif geschossen, aber die Munition kam aus dem Osten, aus Albert Nordens Braunbuch.

Wir werden dies ganze Jahr über noch oft Gelegenheit haben, in dieser Show über 1968 zu reden. Soweit erstmal: Danke, DDR, für 68!