Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
In unserer Siedlung gab es einen ewigen Wahlkandidaten der DKP, der als Lokführer immer in die DDR fuhr und dort wohl zur Kandidatur als Arbeiter angestiftet wurde. Aber von dem wusste jeder, daß er regelmäßig seine kleine Frau verprügelte, und seine ca. 8 bis 10 Kinder, die er kaum ernähren konnte. Heute würde ich sagen: Richtig, gerade die sozial Angemeierten sollten für die linken Parteien in die Parlamente, aber damals erschien er mir als noch spießiger und unangenehmer als meine eigene Familie. Da ich der einzige im Viertel war, der mit ihm redete, schenkte mir dieser arme Prolet meine allererste eigene Schallplatte: eine Eterna Pressung von Marlene Dietrich “Sag mir wo die Blumen sind” - aus der Zone. Das sollte später die Initialzündung für alle meine Aktivitäten gegen Krieg und für linke Kunst werden.
Auch unsere Familie fuhr oft in die “Zone”, zu Bekannten nach Warnemünde; und als ich mir von dort 1965 das “Braunbuch” mit nach Hause brachte, wurde es beschlagnahmt. Immer wenn ich diese Beschlagnahme des Braunbuchs durch den gelangweilten Zollbeamten auf dem Lübecker Bahnhof zum besten gab, wollte mir niemand glauben. “Zensur” gab es einfach nicht im Westen, und selbstherrliche Wegnahmen ohne Gerichtsbeschluß waren in der Geisteswelt meiner kleinbürgerlichen Freunde unvorstellbar. Dabei gab es für beides in unserer Kindheit genügend Beispiele: Der weltberühmte Regisseur Jürgen Fehling durfte Brecht am Stadttheater nicht aufführen. Die West-FDJler wurden 1951 bei der Rückkehr von den Weltjugendfestspielen aus Ostberlin an der Grenze bei Herrnburg/Lübeck von der Westpolizei an der Wiedereinreise gehindert. Unser Ministerpräsident war Nazi, der Kulturminister hieß Braune und war auch einer und wer das laut sagte, flog von der Schule.
Kommunisten kannte ich nicht, meine ganze Verwandschaft bestand ausschließlich aus Leuten, die nach dem dritten Schnaps von Hitler schwärmten. In den Kurorten an der Ostsee hatten sich die Fossile der NS-Zeit niedergelassen, zum Teil unter falschen Namen, Achenbach-Sawade, der Judenquäler, Lina Heidrich mit skandalöser Generalswitwenpension. Irgendwie war das ganze Leben absurd halb, es fehlte immer in jedem Diskurs die kritische, marxistische Seite; denn die KPD war ja verboten und alle Intellektuellen, die Staatsangestellte, Lehrer waren oder bei Kirche und Zeitung gefährdete Posten innehatten, hüteten sich, ihre ehrliche Meinung vor uns Kindern zu sagen. Die Lügen spürten wir genau, aber den Grund verstanden wir nicht. Kurz: Deutschland vor der 68er Rebellion, das war ungefähr so wie die DDR vor 88, nur umgedreht.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
Hinterlasse eine Nachricht
Du musst angemeldet sein um einen Kommentar zu hinterlassen.