Hunderttausende Soldaten der Wehrmacht fluteten über das Land und begannen ungewendet und untherapiert ihre Zivilgeschäfte, fanden ihre dürren Frauen wieder und zeugten Kinder, darunter mich, an die sie genau das weitergaben, was sie in den letzten Jahren gelernt hatten: Gehorsam, Gewalt, Unterdrückung, Verschweigen der Verbrechen, Kameraderie der Killertruppen untereinander, niemals Schuld eingestehen, irgendwie durchkommen, Rassismus, Autoritätshörigkeit, schlechtes Gewissen und nicht fertig werden mit der unübersehbaren Tatsache daß sie zu den Verlierern gehörten und von den verhaßte russischen Untermenschen geschlagen worden waren.

Man weiß aus den Folgen des Vietnamkrieges, daß Soldaten, die aus dem Kriegseinsatz zu ihren Familien zurückkommen, lebende Zeitbomben sind. Bei uns war es ähnlich, man wurde fast täglich bestialisch verprügelt, wenn man Widerworte gab. Erziehung bestand aus dem Arsenal der Naziarmee: Arrest, Essensentzug, Einsperren, Strafen. So waren die Alten drauf: Imgrunde konnten wir froh sein, daß wir von unseren tobsüchtigen Vätern nicht mal aus Versehen umgebracht wurden. Und überall die selbstverständliche Kumpanei der rechten Gewalthaber : Als ich mich mal beim Jugendamt beschweren ging über die tägliche Prügel und in ein Heim wollte, hatte man nichts Besseres zu tun, als mich schleunigst meinen Eltern zu übergeben.

Ein paralleles Erlebnis hatte ich einige Jahre später, als ich schon für die jungen Arbeiter im Kommunistischen Bund in einer Nacht 1.-Mai-Plakate an die Hauswände klebte. Plötzlich hielt neben uns der schwarze Mercedes des örtlichen Zuhälterchefs und seine Begleiter schlugen uns 15jährige Jungs nach allen Regeln der Kunst zusammen. “Wir halten Lübeck sauber” tönte es höhnisch aus den Faschistenfressen als wären wir dreckiges Ungeziefer. Nachts um drei gingen wir zur Polizeiwache und wollten Anzeige gegen den bekannten Mafioso erstatten. Nach zehn Minuten ging die Tür auf und der Herr Nachtclubbesitzer Lothar Fauth begab sich mit den Herren Polizisten und einer Flasche Dimple Whisky in ein Nebengelaß und besprach sich. Der aufnehmende Beamte kam wieder heraus, riss den Anzeigebogen aus der Maschine und sagte “Lasst das mal mit der Anzeige, das geht ja aus wie’s Hornberger Schießen”. Man war damals zu dumm um das weiterzuverfolgen, aber das Gefühl einer unüberwindlichen Mauer aus Autoritäten, Staatsmacht und Mafiosi gegenüberzustehen hat mich seit damals nicht verlassen. Der Herr Gastronomie-Unternehmer Fauth wurde später Chef der CDU Lübeck Mitte und hat beim Brand des Asylhauses in der Lübecker Hafenstraße seine Finger im Spiel gehabt, das kann ich aber nicht beweisen. “Wir halten Lübeck sauber.”

Obwohl es in der Lübecker Arbeiterbewegung Tausende von Kommunisten gegeben hattte, lernte ich nie einen richtig kennen, sie waren in den KZs so fertiggemacht worden, daß sie nun in der Öffentlichkeit gar nicht mehr auftauchten, die Nazis hatten ganze Arbeit geleistet. Vor dem Hauptbahnhof pries ich, etwa 1971, lauthals mit Stentorstimme die Zeitung “Arbeiterkanpf” zum Kauf an, ein greisenhafter unrasierter Alter humpelte ganz dicht an mich heran und sagte unter Tränen, daß er unter Hitler gefangen war und daß ihn das total aufrege, jetzt wieder junge Linke zu sehen. “Mach weiter so,” hustete er krank, “ich kann nicht mit dir reden, das Herz, das Herz …”. Eine erschütternde