Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
In Lübeck wurden im Frühjahr 1945 die Häftlinge aus den norddeutschen Konzentrationslagern in wahren Todesmärschen zusammengetrieben und auf die großen Kreuzfahrtschiffe “Kap Arkona” und “Thielbeck” verladen. Warum, weiß man nicht. Sollten sie versenkt werden, als Geiseln dienen oder als Tauschobjekt für die SS-Größen? Was vermuteten die Alliierten, als dass die Nazielite sich im letzten Moment auf ihren Luxusdampfern absetzen wollte? So wurden am 3.Mai 1945 in der Lübecker Bucht die Kreuzfahrtschiffe “Cap Arkona” und “Thielbeck” von englischen Piloten bombardiert und versenkt. Über achttausend Häftlinge ertranken, darunter die letzten norddeutschen Juden. Noch Monate später spülte die See Leichen an die Strände, wo heute besinnungsloser bunter Badebetrieb herrscht.
1946/47 geriet Lübeck wieder in die Schlagzeilen der Weltpresse, als die jüdischen Flüchtlinge der “Exodus” von der Reede vor Haifa hier in Pöppendorf interniert wurden, hinter dreifachem Stacheldraht und Todesstreifen, mit Wachtürmen und wiedermal deutschem Bewachungspersonal. Arbeitsplätze – vermittelt vom Arbeitsamt Lübeck. Vielleicht gab es das eine oder andere schreckliche Wiedersehen zwischen Wärtern und Gefangenen.
Das alles war nun so schrecklich für das internationale Renommee der Ostseebäder, dass die Stadtväter beschlossen, ein Ehrenmal für ihre getöteten Juden aufzustellen, und sie kamen auf die Idee, - Deutsche haben mit solchen Mahnmalen ja immer Probleme, das sieht man jetzt in Berlin -, einen Grabstein zu errichten, auf dem jüdischen Friedhof in Moisling, mit den Namen der letzten beiden Lübecker Juden, ein Ehepaar, dass von englischen Bomben getötet worden war. Puh, da hatten sie ja nochmal Glück gehabt, die Lübecker, dass sie nicht auf den Gedenkstein schreiben mußten: Hermann und Emma Schild, von Lübecker Bürgern an die Gestapo ausgeliefert und vergast. Stattdessen schrieben sie auf den Grabstein: “Hier ruhen Hermann Israel Schild und Emma Sarah Schild.” Und dann wunderten sie sich, die Lübecker Schildbürger, dass sich weltweit ein Wutgeheul über sie erhob.
So ganz verstanden haben sie die Empörung nicht, denn sonst hätten sie diesen Grabstein stehen lassen als ewigen Beweis für die unendliche Dummheit der Bürokratie. Sie hatten es doch so gut gemeint und nur korrekt nach Aktenlage gehandelt. Da hießen sie eben Israel und Sarah. Das war 1946. Und so ging es weiter.
Am Ende des Krieges hatten SS und Naziregierung die Parole ausgegeben: Alles nach Norden! So gab es tagelang noch eine Reichshauptstadt Plön, das Reichssicherheitshauptamt organisierte falsche Papierein Kiel und Fluchtmöglichkeiten nach Argentinien, der Kriegsverbrecher Dönitz konnte sich als Hitlers Nachfolger aufspielen und unter dem Schutz der englischen Besatzungsmacht Deserteure erschießen lassen und von der Reichsmarine ein Minensuchboot auf den Grund der Ostsee versenken lassen, das mit Roten Fahnen geschmückt in die Kieler Förde einlaufen wollte. Erst im Juni 1945 machten die Engländer unter dem Druck der Sowjetunion Schluß mit dem Mummenschanz und verhafteten die Reichsregeirung Dönitz, der aber späterhin am Otto-Hahn-Gymnasium in Geesthacht als Redner auftrat und vom Schulsprecher Uwe Barschel als Reichsverweser begrüßt wurde. Unter dem Druck des öffentlichen Skandals flüchtete der Schuldirektor schamvoll in den Selbstmord, während den Rechten nichts geschah und aus dem kleinen Provokateur Uwe Barschel später der große Lügner und Ministerpräsident des Landes wurde. Eine Stunde Null gab es in Lübeck nicht. Thomas Mann kehrte nicht zurück, die Mörder von Juluis Leber wurden nicht bestraft und Gericht und Gefängnis am Burgtor blieben erhalten mit weitgehend demselben Personal.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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