Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Die gesellschaftliche Konstellation, in der jene Bewegungen stattfanden, die mit der Chiffre “68” gemeint sind, enthielt Fallen - jedenfalls in hochentwickelten Ländern wie der Bundesrepublik. Die hochgradige massenmediale Aufmerksamkeit, die einer beim akademischen Nachwuchs Sympathie findenden Revolte zugewandt wurde (worin eine klassengebundene Wahrnehmungsweise steckte …), brachte ein Entfremdungsrisiko mit sich - die Gefahr, dass oppositionelles Agieren sich unbewusst einpasste in die Eigendynamik jener kapitalistischen Medien, die eigentlich Objekt der Kritik waren. Zudem verfügte der Kapitalismus über großes Talent, sich kulturelle Neuerungen, die oppositionell gemeint waren, dienstbar zu machen und für die Durchkapitalisierung der Lebenswelt zu nutzen. Auch deshalb gibt es keinen Grund, die “kulturrevolutionären” Eigenschaften des Aufbruchs um 1968 in Bausch und Bogen zu glorifizieren und zu meinen, da seien “ganze Generationen dem Kapitalismus entfremdet worden” (wie Dr. Seltsam kürzlich in der Jungen Welt kundtat).
Dennoch, die Erinnerung an die damaligen Ideen und Aktionen bringt in der historischen Bilanz Produktives zutage. Es entwickelten sich Konturen einer neuen Linken jenseits sozialdemokratischer und staatssozialistischer Erstarrung. Der Massenprotest gegen den Krieg in Vietnam zeigte, dass der militärisch-industrielle Komplex nicht allmächtig ist. Radikaldemokratische Überlieferungen und der gedankliche Bestand gesellschaftskritischer Theorie und Literatur wurden wieder ans Licht geholt. In großer Zahl entwickelten Menschen die Fähigkeit, ihre gesellschaftspolitische Sache selbst in die Hand zu nehmen, sich selbst zu organisieren, den Mächtigen öffentlich zu widersprechen, Konflikte zu riskieren. Neue soziale Bewegungen kamen in Gang. Keine Revolution - und in der Bundesrepublik war damit gewiss nicht “die Machtfrage gestellt” -, aber ein Aufbruch, aus dem zu lernen ist, auch aus seinen Illusionen und Fehlwegen.
Auf “Lehrmittel”, wie Aly und einige andere Ex-68er sie anbieten, ihre eigenen widerspenstigen Torheiten von damals durch schlau daherkommende Anpassung heute kompensierend, lässt sich beim Lernen aus der Geschichte verzichten.
Der Artikel wurde erstveröffentlicht in Sozialistische Zeitung vom März 2008
Das Zitat von Dr. Seltsam findet sich in dem Beitrag zu Heiligendamm vom Juni 2007 unter dem Titel “Verflixte Sieben”.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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