Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Vortrag von Dr. Seltsam bei Dr. Seltsams Wochenschau zur Einleitung einer Veranstaltungsreihe über 1968
Diesmal als Gast: “Menschenrechtsanwalt” Eberhard Schultz zum Thema “SDS und Kulturrevolution”.
Berlin, Max & Moritz, 16.März 2008
Jeder Mensch ist ein soziales Wesen und braucht Beachtung. Umso mehr freue ich mich, daß pünktlich zu meinem Geburtstag einer der Sozialistischen Oberpriester von meinen Gedanken Kenntnis genommen hat. Arno Klönne, langjähriger linker Schreiber und Mitorganisator von gewerkschaftsnahen Initiativen, hat meine hoffnungsvolle Einschätzung gelesen, daß ich die Heiligendamm-Unruhen 2007 für den Auftakt zu einem neuen Achtundsechzig empfunden habe. Er zitierte mich ablehnend: “Der Legendenmarkt floriert. Dr. Seltsam meinte kürzlich in der Jungen Welt, da seien ‘ganze Generationen dem Kapitalismus entfremdet worden’. So finde ich mich mißverstanden und aufgerufen zu erzählen wie es denn damals war, in den Jahren ‘67 bis ‘69 in der Provinz in Norddeutschland.
Lübeck hat seine großen Zeiten als Haupt der Hanse und reichste Stadt der Welt, als die Kirchendächer mit Gold gedeckt waren und den Kaufleuten eine Tagesreise weit entgegenleuchteten, seit ca. 500 Jahren hinter sich, entsprechend hat sich das Lebensgefühl einer stets im Niedergang befindlichen Metropole bis in die tiefsten Lebensäußerungen der Bürger hineingefressen. Am Stadtrand war die sogenannte Zonengrenze und die Abschnürung der Handelswege führte trotz Bonner Förderung zum Zusammenbruch der heimischen Industrie Werften, Hafen, Ostseehandel. Zusammenbruch ist hier wörtlich zu nehmen, 1960 gab es noch sieben Werften internationalen Anstrichs mit entsprechend selbstbewußten proletarischen Arbeitern, Ende der Siebziger Jahre keine einzige mehr.
Vor dem Krieg gab es in Lübeck eine stabile Dreiviertelmehrheit für SPD und KPD und noch nach derm 30. Januar 1933 eine riesige Einheitsfrontkundgebung mit dem im Zuchthaus zerschlagenen Redakteur Julius Leber. Dem war das öffentliche Reden von den Nazis verboten, so zeigte er nur sein blutiges Gesicht vor und die Leute wußten Bescheid. In der Innenstadt vor dem Burgtor wurde ein Nazi erstochen, NPD-Leute behaupten bis heute, das sei die Leibwache des jungen SAP-Funktionärs Willi Brandt gewesen, der über die Ostsee nach Norwegen fliehen mußte.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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