Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
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Offener Brief und abschließender Kommentar von Dr. Seltsam
Berliner Presse 9.-15. Februar 2008
BZ: Finanz-Senator Sarrazin entwickelt Hartz-IV-Speiseplan (9. Februar 2008 )
Junge Welt: Billigkoch des Tages (11. Februar 2008)
Kommentare in taz, Berliner Zeitung u.a. (12. Februar 2008)
Sehr geehrter Herr Dr. Sarrazin,
im Namen unserer Showgäste möchte ich Ihnen und Ihrer PR-Abteilung recht herzlich danken für Ihren am 09.02.08 in der BZ veröffentlichten Hartz-IV-Speiseplan. Er hat genau das bestätigt, was wir in Dr. Seltsams Wochenschau bereits im Frühling 2005 im dem Showblock “Das Fräulein Jonas vom Amt empfiehlt” antizipert hatten. Schon damals haben wir kabarettistisch prophezeit, dass der Zynismus der Herrschenden so weit gehen wird, den armen Leuten weisszumachen, sie seien nur zu dumm, mit ihren “Transfereinkommen” von 4,25 Euro pro Tag für die tägliche Ernährung auszukommen.
Wie ich dem Text in der BZ entnommen habe, haben Sie extra eine Mitarbeiterin losgeschickt, um sich in einem Billigsupermarkt umzusehen. Daraus kann ich nur schließen, daß Sie selber oder Ihre Mitarbeiter normalerweise nicht in solchen Abfallverwertungsanstalten einkaufen gehen, und das ist auch gut so. Allein bei den abgebildeten Esswaren kann einem ja schlecht werden. Allerdings hätten Sie sich für diese Aufgabe lieber der Mitarbeit (gegen ein geringes Honorar) eines Sachverständigen versichert - in Berlin gibt es ja mehr als 200.000 davon.
Die Bratwürste für 38 Cent pro Stück sind gewiß nicht aus ökologischer Tierhaltung, sondern miesester “Fleisch”mix, d.h. zentrifugierte Knorpel, Augen und Innereien. Das Inkorporieren solcher Materialien macht Pickel, Magengeschwüre und Krebs. Nur langjährige Gewöhnung an junk food und Armut kann einem solches Essen genießbar machen. Alle Bemühungen von Schulverwaltung, besorgten Eltern, Lehrern und Slow-Food-Organisatoren, den Kindern Geschmack und bewusstes Essverhalten beizubringen, macht dieser Speiseplan wieder zunichte.
Weiterhin ist ein Glas Saft für 30 Cent abgebildet. Für diesen Preis gibt es in ganz Berlin keine einzige Apfelsine zu kaufen, man braucht aber drei bis vier für ein Glas frisch gepreßten O-Saft. Offenbar verlangen sie von den Armen Ihrer Stadt, sich mit dem eingedampften und dann mit Wasser wieder verlängerten Orangenmaische-Abfall aus Südamerika zu vergiften. Dieses Zeug aus Konzentrat gehörte längst auf die Liste gefährlicher Drogen, weil Kinder es nur wegen der beigegeben Zuckermenge gerne trinken. Dieser Zuckersaft aus Konzentrat macht genau wie Coca Cola zuckersüchtig, d.h. abhängig von einem schweren Nervengift, die Säure zerstört überdies Zahnschmelz und die Magenflora. Gerade Arme müssen sich besonders gesundheitsbewußt ernähren, weil sie kein Geld für Heilkuren und ständige Arztbesuche und Medikamente haben.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte keinesfalls hochnäsig den schlechten Massengeschmack anprangern, aber ich bin selbst Hartz-IV-Opfer und habe Diabetes, weil ich zu dick bin. In den Industrienationen ist ja eine fette Figur heute ein Kennzeichen von Armut geworden; wer Geld hat wie Sie kann ins Fitnesstudio gehen oder sich gesund ernähren. Täglich habe ich damit zu tun, bestimmte zucker- und stärkehaltige Lebensmittel zu meiden. Dazu gehören die von Ihnen empfohlenen Billigspaghetti und alle Weißmehlprodukte wie die in der BZ abgebildeten Brötchen.
Richtiges Vollkornbrot kostet heute knapp 5 Euro pro Laib, also ca. 30-40 Cent pro Scheibe, also viermal so teuer wie Ihre nach nichts schmeckenden Luftbrötchen. Allerdings ist auch das billige Schwarzbrot in den von Ihrer Mitarbeiterin frequentierten Billigketten nur mit Zuckerkulör dunkelgefärbte Weißmehlware und damit für Diabetiker doppelt gefährlich. Ihre Speiseliste erreicht in diesem Punkt den Bereich der Lebensbedrohung. Ich möchte Ihre Mitarbeiterin gern mal kennenlernen und in meine Show einladen, weil ich mir einen Menschen, der so gedankenlos seine Arbeit verrichtet, gar nicht vorstellen kann.
Noch ein weiteres Problem, von dem Ihre Mitarbeiterin vielleicht nichts wissen kann, wohl aber Sie selber als Finanzsenator: Die BVG! Falls ich die in der BZ inserierten Sonderangebote wahrnehmen möchte, muß ich eine BVG-Sozialkarte für 33,50 Euro kaufen. Ihr Senat zahlt der BVG für jede Sozialkarte 33,50 Euro drauf. Dieses Geld könnte ich selber sehr gut brauchen, statt den mit Transfergeldern gemästeten BVG-Vorständen die Taschen zu füllen. In den 347 Euro nach Hartz IV sind nämlich nur 16 Euro für “Mobilität” vorgesehen, das heißt für Reisen, Taxi, Bahnfahren, Billigflieger und Schuhebesohlen, Radfahren und Fahrradanschaffung, alles zusammen. Mir einerseits ein paar Euro zu gewähren, dann aber durch zu hohen Sozialpreis mehr als doppelt soviel wieder aus der Tasche zu ziehen, kann natürlich nur funktionieren, wenn ich am täglichen Essen noch mehr spare. Und dafür sind Sie persönlich verantwortlich.
Ich möchte Sie nicht länger mit den Klagen eines von Ihrer Partei zu totaler Armut verurteilten Hartz-IV-Empfängers behelligen. Sie und Ihre Partei haben es eben für nötig gehalten, im Interesse der Wirtschaft die Transferkosten so niedrig wie möglich zu halten, Sie als Dackel des Kapitals müssen das jetzt durchziehen, soweit ist alles klar zwischen uns. Aber sich dann von Ihnen noch verspotten lassen zu müssen, das überschreitet nun die Schmerzschwelle. Ich kann Ihnen versichern, daß die nie mehr schimmelnden Tomaten, die Ihnen bei Ihren Wahlkampfauftritten um die Ohren fliegen werden, aus den verseuchtesten Gewächshäusern Spaniens stammen und garantiert nicht mehr als 13,5 Cent pro Stück gekostet haben werden.
Nach dieser verunglückten Sozialreportage nenne ich Sie nur noch Sarra-zyn.
Mit herzlichen Hass-4-Grüßen,
Ihr Dr. Seltsam, Kabarettist aus Berlin-Kreuzberg.
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heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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