Michael Stein ist tot

Erster Nachruf von Dr. Seltsam
Junge Welt, 25.Oktober 2007

Die mit Abstand schrillste Figur der Berliner Alternativkultur, der Arbeiter, Sänger, Dichter, Multikünstler und Eventerfinder Michael Stein ist am Mittwoch, dem 23.Oktober 2007 um 13 Uhr in einer Krebsklinik in Bad Zwischenahn nach monatelangem schmerzhaftem Kampf an Lungenkrebs gestorben. Das ist ein schrecklicher Tod, sowieso, aber für einen Menschen wie Stein, der mit seinen Stimmorganen, mit Brüllen und Lachen Massen in Bewegung setzte und der gerne trank und alle Drogen nahm die es gab, ist es ein besonders trauriges Ende. Ihm hätte man den Tod auf Barrikaden gewünscht wie Bakunin oder ein heroisches Ende in der Schlacht mit Nazis oder Bullen, oder ein orgiastisches Verglühen im Bett mit einer seinen zahllosen sexgierigen Eroberungen.

Nun ist es doch ein vergleichsweise “normaler” Tod geworden und die Zurückgebliebenen müssen eine leerer gewordene Welt ertragen, wissend, daß jemand wie Stein nicht ersetzbar ist. Ein paar Stationen seines Lebens, auf jeder hat er einen Haufen Feinde hinterlassen: Mitbegründer des “Kommunistischen Bund”, -Druckerzelle. Die Höhnende Wochenschau mit Droste, Seltsam, Nothnagel u.a. , die “Urzelle der Lesebühnenbewegung”. In der Volksbühne monatlich die fulminante Politshow “Benno-Ohnesorg-Theater” mit den komischsten Vorlesern aus der ganzen Republik, ständige Gastauftritte bei fast allen Lesebühnenshows, die mit seiner prominenten Mithilfe in den Neunzigern aus dem Berliner Szeneboden wucherten, Dr. Seltsams Wochenschau in der Kalkscheune, seien ureigene “Reformbühne” im Schokoladen und Kaffee Burger. Autor in Titanic, taz, Junge Welt.  In jeder dieser Konstellationen bracht Stein es zum fruchtbaren Eklat, kassierte Hausverbote, Rauswürfe, Skandale en masse. Alle sind traurig, jetzt müssen wir uns ein  neues enfant terrible suchen, ein neues Vorbild und neue Dealer. “Wir pissen auf sein Grab!” (Vian)

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Meine Erinnerungen an Michael Stein

Dr. Seltsam, 31.Oktober 2007

Gekürzt unter dem Titel  “Mit rotem Haß” in der Jungen Welt, 7. November 2007

Als ich 1975 nach Westberlin kam, lernte ich auf der ersten Vollversammlung vom Kommunistischen Bund (=KB, nicht zu verwechseln mit dem KBW) Michael Stein kennen. Er war das denkbar größte Gegenteil von dem Stein der letzten Jahre: er war ein braver Schwiegersohntyp, mit streng gescheitelten Haaren im Faconschnitt, und einem hellen sauberen (!) Cordjakett mit vier Kulis in der Brusttasche. Er arbeitete bei Uniondruck oder Ullstein, bemühte sich brav, nicht zu trinken um morgens pünktlich zu sein und als geachteter Kollege in den Betriebsrat zu kommen. Als organisierter überaus intelligenter Jungarbeiter hatte er “alles gelesen, was seine Klasse anbetrifft” (Degenhardt) und war aus eigener Qual ein wütender Feind von Ausbeutung und Lohnarbeit. Es war offenkundig, daß er Marxist war, weil er sich von der Revolution seine ganz persönliche Befreiung erhoffte. Er hielt es einfach nicht mehr aus; seine ganze zur Schau getragene Überanpassung an die spießigen Kollegen sollte nur deren Vorbehalte gegen Linke dämpfen, die kämpferischen Sätzer und Metteure in seine kommunistische Druckerzelle locken und damit den Sturz der Bourgeoisie beschleunigen. Das war alles für ihn kein utopisches Wolkenkuckucksheim, sondern tägliches Gebet. Er war mir sofort sympatisch, denn er war ein Mensch der “brannte”, netterweise empfand er mich als seinesgleichen und als der von welchen Geheimdiensten auch immer unterwanderte KB-Chef “Hans” aus Hamburg anreiste um mich persönlich auszuschließen (wegen der KPD-AO, aber das ist eine andere Geschichte) tröstete er mich solidarisch und hielt zu mir, fast als einziger von 60 “Genossen”. Solche Kämpfe verbinden fürs Leben und tatsächlich trafen wir uns in den unwahrscheinlichsten Kombinationen wieder und brachten tolle Dinge ins rollen.

Stein sah, daß mit dem Niedergang der K-Gruppen seine Chancen auf sofortige Befreiung der Arbeit sanken, da trat er wenigstens individuell ins Reich der Freiheit über und beschloß ” Künstler” zu sein, um sich zu retten. Natürlich hatte er sämtliche Urteile der Klassiker über das Kleinbürgertum drauf und log sich auch nicht in die Tasche, daß er nun was Besseres wäre. Im Gegenteil, oft wenn ich mit ihm zu einem Auftritt verabredet war und ihn selber abholte – das mußte schon sein wenn man ihn sicher auf der Bühne haben wollte-, fluchte er über das eingebildete Künstlerpack, auch über Leute, die heute Elogen auf ihn schreiben, und begann sich irgendwo als Tagelöhner zu verdingen, am besten gefiel ihm der Job als Bilder-Transporteur, da hatte er wenigstens am Rande was mit Kunst zu tun und verdiente trotzdem Geld für seine kleine Tochter. Steins fulminantes Wirken in der Berliner Szene ist ohne diesen Widerspruch gar nicht zu verstehen: Der solidarische Prolet, der aus “seiner Klasse aussteigt”, weil er spürt, daß er unter der Arbeit kaputtgeht, der aber nicht opportunistisch “aufsteigt” wie  linke Parteikader und Gewerkschaftsfunktionäre, sondern mit seinem roten Haß eine Gesellschaft verflucht, die freie Menschen unter das Fabrikjoch zwingt. Ich glaube, seine späteren Anhänger aus den Kreisen der Lesebühnen, junge antikommunistische Ost-Arbeitslose, die vor allem selbst was erreichen wollen und nicht wie Stein eine bessere Welt für alle, haben nie so richtig begriffen, daß ihr Guru ein marxistisch-leninistisch gebildeter Sozialrevolutionär war; was sie von ihm abguckten war eher das Ungehemmte, Egomane, Schweinöse. In der Tat: Was Stein da auf den Bühnen als “Kunst” anbot, war in jeder Hinsicht gewöhnungsbedürftig.

Sein Haß auf die Arbeit (jaja liebe DKP, ich weiß, ich sollte korrekterweise schreiben: Sein Haß auf die kapitalistische Mehrtwertproduktion und entfremdete Lohnarbeit! Aber darüber laßt uns bitte erst reden, wenn es eine Gesellschaft gibt, in der eine andere Arbeit möglich ist.) Also: sein Haß auf die Arbeit brachte eins seiner Hauptwerke hervor, das “Gebet gegen die Arbeit”, hundertmal in kleinen verrauchten Zimmerbühnen in Berlin- Mitte unter dem Gejohle mittelständischer Studenten zelebriert, die das zugrundeliegende Vaterunser gar nicht kannten und auch nicht die proletarische Verzweiflung ihres Propheten:

“Arbeit! Geisel der Menschheit! Verflucht seist Du bis ans Ende aller Tage, du, die du uns Elend bringst und Not, uns zu Krüppeln machst und zu Idioten, uns schlechte Laune schaffst und unnütz Zwietracht sähst, uns den Tag raubst und die Nacht. Verflucht seist Du, verflucht. Verflucht seist Du in Ewigkeit. Amen”

Die Achtziger Jahre verbrachten wir ähnlich als Gelegenheitsarbeiter und freie Autoren bei der Taz. Steins großartigster Text war eine Satire auf deren Stasi-Riecherei, nachdem Till Meyer “enttarnt” worden war. “Ich war IM “Arschloch” Stein” bekannte er ganzseitig und jeder bekam seine Peitsche ab: Dr. Seltsam seien in der Charite geheime Injektionen verabreicht wurden, behauptete er zum Beispiel, die ihn auf dem geistigen Niveau von 1976 festhalten. Stein hingegen hatte sich offenbar weiterentwickelt und schwankte nun zwischen Anarchie, Autonomer Antifa und Alkoholismus. Nach der legendären “Ersatz-Taz” gab es dort einen der üblichen Rechtsschwenks und ein Dutzend Autoren und Redakteure flog raus. Wir trafen uns und wollten gern weiter schreiben aber keine Zeitung machen. So entstand Die Höhnende Wochenschau in einem Miniladen in der Kreuzberger Dieffenbachstraße. Stein formulierte das unerbittliche Credo: Jeder Text muß einen Angriff enthalten. Und: Sachen über die auch Nazis lachen (könnten) sind verboten. Das habe ich mir bis heute als Kriterium fortschrittlicher Kunst gemerkt.

Zum Mauerfall 1989 gab es von Stein und Droste in der Wochenschau die prophetische geniale Zitate-Montage: “Drecksäcke bekennen: Ich bin ein Berliner!”:  “Die vier Tage im November erzeugten in empfindsamen Berlininsassen den einen Alptraum: Auf dem Weg in die sichere Wohnung wird man, zehn Meter vor der eigenen Haustür, in allerletzter Sekunde quasi, von einem Trupp jovial grinsender Westberliner irrtümlich für einen “Ey kieka, ‘n Zoni” gehalten und gestellt … den Rassisten beider deutscher Staaten, die sich in seliger Kumpanei gegen “Scheißpolacken, Schlitzaugen und Knoblauchfresser” verbünden. “Ihr macht det schon janz richtich mit die Kanacker”, zollt der Ostberliner Taxifahrer dem Westgast Anerkennung; der Ostrassist , an den auch der Sozialismus, d.h. der Versuch, aus Primaten Menschen zu machen, verschwendet ist, findet sich mit seiner Rolle als Zwote-Wahl-Deutscher ab, solange ein Objekt der Verachtung vorhanden ist, das ihm ermöglicht, nach oben (Deutschland) zu buckeln und nach unten (Rest der Welt) zu treten … Widerstand gegen die Wiedervereinigung des dreckigen Deutschen resp. ewigen Berliners wird kaum geleistet; vergessen scheint das Vorbild anständiger Berliner wie der Bewegung 2.Juni, die u.a. mit der Entführung von P. Lorenz einen “wertvollen Beitrag” (E.Diepgen) zur Entwicklung der “politischen Streitkultur” (Lea Rosh, mit bürgerlichem Namen Gabriele Schultze-Rohr) geleistet hat. Nur im Vollrausch ist der “Rausch der Geschichte” (R. Augstein) zu ertragen … Völker der Welt, haut auf diese Stadt.” (Titanic 1/1990) – Mittlerweile kann ja jeder Schmock von Schlingensief bis Raab so haltlos schimpfen, damals war das neu und kühn, wir lauschten atemlos und wie besoffen.

Dann kam die legendäre DDR-Tournee. Klaus Nothnagel hatte einen Brief geschrieben, daß wir der DDR gern gegen  die Leipziger Dumpfheit beistehen möchten, Adresse: “An die Regierung der DDR, Berlin” nichts weiter. Nun, damals gab es noch Institutionen, die solche Post an die richtigen Empfänger weiterleiten konnten, und so saß eines Sonntags der DDR-Kulturminister Klaus Höpcke in der Show und lud uns zu einer Rundreise durch die DDR-Provinz ein. Wir hatten in 17 Städten über 10000 Zuschauer, manchmal mehr als Helmut Kohl bei gleichzeitigen Wahlkampfauftritten. Stein sah schon ziemlich punkig aus und hielt sich auch nicht zurück, die Arbeitsvergottung des Staatssozialismus zu geisseln, die Zuschauer fragten jedesmal “Wovon lebt ihr denn?” und als wir zugeben mußten “Von Sozialhilfe”, war dieses paradiesische Beispiel vom reichen DM- Sozialstaat allemal wirkungsvoller als unsere Kritik am Imperialismus. Stein wurde immer unzufriedener, in Vetschau waren wir im Ausländerheim für die schwarzen Kraftwerks-Arbeiter aus Mosambik untergebracht, bekamen mit, wie sie in der Kaufhalle gemobbt wurden und mit uns “Weißen” nichts zu tun haben wollten. Stein besoff sich am teuersten Ost-Whisky und bestrafte mich als linken Haupteinpeitscher, indem er mir kräftig ins Badewasser pinkelte, mit mir darin.

Unsere Privilegien waren ungeheuer: Als “Tournee-Künstler mit Westerlaubnis” erhielten wir tausend Ostmark pro Auftritt plus Hotel und Essen, am Ende hatten  wir 60.000 Mark auf dem Ostkonto, während die Sozi im Westen schon immer am 15. d.M. alle war. Wir zerdroschen mehrere Leihautos und kauften sämtliche erreichbaren Buchhandlungen leer. Die armen Ostkünstler, dachte ich öfter, wie sind die von der Arbeiterklasse vierzig Jahre lang verwöhnt worden, die werden sich aber umgucken, wenn die DMark kommt. Aber auf uns hörte ja keiner. Unvergeßlich der Auftritt bei den Akademixern in Leipzig, ein HP schreib in der Sächsischen Zeitung: “Was mich am meisten nervte, war, daß nun schon wieder Leute auftraten, die mir sagen, was ich zu denken habe….Die Leipziger beobachteten freundlich und aufmerksam. Selbst das “Maul-Helden-Stadt Leipzig” (Dr. Seltsam) rührte sie nicht. Zwischen Publikum und den nebenberuflichen Autoren schien ein Gitter zu stehen. Und jeder dachte, die Affen seien auf der anderen Seite.” (SZ 28. 5. 1990) Stein trat schon  nicht mehr mit uns auf, sondern fuhr nun als “Videokünstler” mit und nahm 60 Stunden Material von dieser Reise auf, z.B. als ich nackt mit dem Rasiermesser auf Nothnagel losgehen wollte oder die schreiende Armut der Sowjetsoldaten im Kasernenhof, in den wir aus unserer “Stasivilla” Einblick hatten. Unvergleichliche Bilder aus der Wendezeit, alles verloren; Stein, der Idiot, hat bei einer seiner zahlreichen Ausraster und Umzüge alles verbummelt.

Danach war Schluß mit der Höhnenden Wochenschau, wir waren komplett zerstritten und jeder ging seinen eigenen Weg. Über die folgenden Stationen brauche ich nicht mehr so viel zu erzählen, die neueren Weggefährten machen das schon. Stein war bei fast jeder neuen Lesebühne kurz dabei und half, kiffte und stritt sich. Sein Verschleiß an Frauen wurde immer wilder, nun bevorzugte er die hübschen Töchter der PDS-Parteiführer, das war sein “Antistalinismus”. Und obwohl er in Radiointerviews gegen meinen linken politischen Anspruch herzog, trat er doch oft in meinen Shows auf und er lud uns in sein Benno-Ohnesorg-Theater ein im großen Saal der Volksbühne. Wir respektierten uns kaum mehr, aber wir kannten uns zu gut und wußten, daß wir im Bauch anarchistische Brüder waren. Er hatte eine neue Rolle gefunden, den Polizeikommissar aus Neukölln, der so bräsig doppeldeutige Bürgertipps gibt, daß alle unterm Tisch lagen vor Lachen. Das war wirklich große Vortragskunst. Er versuchte sich nun leider auch als Rockstar, d.h. E-Gitarre zu spielen und zu singen und sogar mit den Zuschauern gemeinsam – Schwamm drüber. Seine Auftritte wurden immer unvorbereiteter und unappetitlicher, nur noch sporadisch waren Geistesblitze dabei, die kein andrer so hinbekommen hätte, etwa seine oft nachgemachte Filmrolle: “Laßt mich hier sterben, ohne mich schafft ihr’s vielleicht – Nein Jack, auf keinen Fall.- Doch haut ab.- Na gut—Ey ihr könnt mich doch hier nicht liegen lassen.” (Tja, so in der Schriftform ist das wohl nicht witzisch, wie?) Die Hausbesetzer vom Schokoladen erteilten ihm wegen frauenfeindlicher Unkorrektheit Hausverbot für den Auftritt bei der Reformbühne: Michael Stein trat das Fenster ein und hielt seinen Beitrag per Megaphon von der Straße aus und das Hausplenum war als Spießertruppe entlarvt. So war er.

Unsere letzte Begegnung habe ich ihm noch nicht verziehen. Wir machten zusammen mit der Jungen Welt eine ernsthafte Veranstaltung über die russischen Nationalbolschewisten, eine veritable Neonazitruppe, die sich bei den Lesebühnen breitzumachen versuchte. Stein kam hereingepöbelt und sagte, er sei nun Fußball-Hooligan und wir sollten jetzt alle so wie er Nazis in den Arsch vögeln, das wäre der korrekte Antifaschismus. Damit war diese Show gestorben, sowas konnte er. Aber “wer macht nu Revoluschon?” (Thomas Mann)

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Erinnerungen an Michael Stein

Von Klaus Nothnagel, 30.Oktober 2007

Erst wollte ich ja gar keinen Text über Michael Stein schreiben, aber dann hat es sich doch so ergeben.

Als ich Michael Stein vor ungefähr 18 Jahren kennen lernte, trug er gern großkarierte Holzfällerhemden. Ich glaube, er hatte damals Locken. Es war nicht besonders schwierig, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Außer ihm waren damals Dr. Seltsam, Cluse Krings, Frank Fabel und Anja Poschen Mitglieder der “Höhnenden Wochenschau”. Die Truppe zerfiel damals in zwei Fraktionen, die Ideologen und die Komiker (zumindest kam es mir so vor) – Stein gehörte nicht nur zu den Komikern, er hatte sich auch darauf spezialisiert, die Ideologen mit Hohn und Spott zu überziehen. Über Dr. Seltsam sagte er: “Der Doktor profitiert bis heute davon, dass man 1976 eine neue Methode der Gehirn-Entnahme erfunden hat. Dadurch war es möglich, das Gehirn des Doktors rauszunehmen und zu gefrieren. Bis Anfang der 90er Jahre war es tiefgefroren; dann wurde es ihm wieder eingesetzt. Dadurch ist der Doktor bis heute imstande, absolut authentischen Marxismus-Leninismus von 1976 zu produzieren.”.

Bei den Redaktionskonferenzen, die immer freitags, am Abend vor der Samstagsshow, stattfanden, war es üblich, dass die Texte, die dort vorgestellt wurden, unerbittlich kritisiert wurden. Auch Stein war nicht gerade zartfühlend, wenn er den Text eines Kollegen nicht mochte; verteidigte man aber einen Text mit einer besonders albernen und hirnrissigen Argumentation, dann konnte es vorkommen, dass er darüber lachen musste und den Text für den Rest der Sitzung seinerseits verteidigte. – Im Winter 1989 / 90 nahm die “Höhnende Wochenschau” Kontakt zur damaligen SED / PDS auf; wir fürchteten damals, im Osten würden die Neonazis stärker werden und wollten mit unseren bescheidenen Mitteln zu ihrer Bekämpfung beitragen.

Der frühere DDR-Vizekulturminister Klaus Höpcke lud uns ein, im Gebäude an der Oberwallstraße – wo früher Honecker seinen Amtssitz hatte – eine Art Probeauftritt vor Partei-Leuten aus der ganzen DDR zu absolvieren, ein Casting sozusagen. Diejenigen, denen unsere Texte gefallen würden, könnten dann ja Gastspiele mit uns vereinbaren, so Höpcke. Wir freuten uns besonders darauf, wie das Publikum auf Stein reagieren würde. Er führte damals u.a. eine Art Talking Blues auf, eine sehr ruhige Nummer, etwas schleppend vorgetragen, mit sehr feinem Gefühl für Timing. “Tresen gestanden / Bierchen getrunken / Zijarette jeraucht / Hallo Heinz jesaacht” – daran erinnere ich mich noch. Ich selbst hatte dazu am Klavier einen matten Blues zu improvisieren. Die Parteihirsche waren leise befremdet, da sie solche Nummern in ihrer Welt des politischen Laber-Kabaretts nicht kannten. Sie fanden uns aber sympathisch. Auch schien uns ja mit ihnen irgend eine Art von linker Grundüberzeugung zu verbinden; jedenfalls erweckte Dr. Seltsam immer gern diesen Eindruck bei den Bonzen. Die anderen waren einfach neugierig auf eine Tournee durch die Ruine des preußischen Sozialismus.

Während des Auftritts im Parteigebäude wollte Seltsam unbedingt ein dämliches Biermann-Gedicht vorlesen (der Dr. las ja immer gern Sachen vor, die ihm keine Arbeit mehr machten). “Lob des Kommunismus” hieß es, oder so ähnlich. Wir anderen fanden das Gedicht minderwertig und politisch doof. Seltsam wartete einen Moment ab, in dem jemand hinter der Bühne trödelte (Stein?) und schob seinen fülligen Leib geschwind an allen anderen vorbei, um sich auf der Bühne hinzusetzen und den Biermann rauszublöken. Alle bis auf Organisationsleiter Krings waren von diesem Putsch begeistert und erheitert, Stein ganz besonders. Ihm gefiel es immer, wenn Strukturen auseinanderfielen – und er mittendrin! Nachträglich kann ich kaum glauben, dass er sich so lange Zeit bereitwillig dem Redaktionsritual unterwarf.

Als wir dann in der DDR waren – Neubrandenburg, Dresden, Leipzig, Cottbus, Lübbenau und noch einige Orte, deren Namen ich nicht mehr weiß – unterhielt Stein die lokalen Veranstalter immer mit Skurrilitäten. Einmal, in Cottbus, gingen wir verkaterten Schädels mit unserer Veranstalterin spät morgens an einem Gewässer spazieren. Er wolle ihre kommunistische Weltsicht nicht ins Wanken bringen, sagte Stein zu der kichernden Frau, aber er müsse ihr jetzt kurz etwas stark Christliches demonstrieren, er könne nämlich auf dem Wasser gehen, genau wie der damals, ganz genau. Er improvisierte einen ausholenden, nach einer Robert-Crumb-Comicfigur aussehenden Schritt aufs Wasser zu, ließ den Fuß dann knapp über dem Wasserspiegel schweben, zuckte, grunzte, zog schließlich zurück und sagte der Frau, kopfschüttelnd und treuherzig blickend: “Es tut mir leid, ich weiß wirklich nicht, wie mir das passieren konnte: Es geht nicht; ich hab die falschen Schuhe an!”.

Mit Stein, der zwar keinesfalls “alle Drogen nahm, die es gab” (Seltsam), aber doch so dies und das und so dann und wann – mit Stein kam es auch zu merkwürdigen Begebenheiten nach den Gelagen, die sich regelmäßig an unsere Auftritte anschlossen. Einmal fragte er morgens einen Parteikellner (ja, einmal im Leben hatte unsereiner Privatkellner, wenn auch nur in einem untergehenden Staat!), wo denn sein Shit vom Vorabend sei. “Oach sou, sie meinen dän braunen Glumben, der durtt gelägen hodd? Mir homm gekloobt, das wär vorgammeldde Schoggoloade, da hammors weggeschmisn!” Stein stöhnte auf und lachte gleichzeitig. – Das Publikum unser Ost-Auftritte war damals doppelt verwirrt: Erstens dadurch, dass ihnen ihr grauer kleiner Spießerstaat unterm Hintern wegschmolz, was für manche absolut nicht zu verarbeiten war; und zweitens durch unser Auftreten, unsere Texte, durch den antiautoritären Grundzug der Truppe.

Die erste Frage aus dem Publikum, die wir nach jeder Show hörten: “Wovon lebt Ihr eigentlich?” – Nach einiger Zeit ließen wir immer Stein als ersten antworten; denn seine Standardantwort “Ich hab mal ne Ausbildung als Ladendieb gemacht” setzte gleich einen klaren Standard für die weiteren Antworten. Wir gingen nach einigen Tourneestationen dazu über, als Anmoderation für Michael zu sagen: “Und jetzt begrüßen Sie bitte das Drogenproblem der Höhnenden Wochenschau, Michael Stein!” Das war durchaus übertrieben; aber einen recht derben Konsum an Rauschstoffen verschiedener Art hatte er manchmal schon. Wenn wir im Kleinbus aus Berlin hinausfuhren, hielten wir auf Antrag von Stein immer am ersten Intershop. Dort wurde Whisky zugeladen, der jeweils beste, der zu haben war. Wenn gar kein Whisky vorhanden war, setzte Stein schon mal durch, dass “Küstennebel” gekauft wurde, ein trüber, spermafarbener Anislikör, der weder lecker war noch zuverlässig betäubte.

Stein war damals sehr interessiert am sozialen Leben nach den Vorstellungen. Unsere Unterbringungen reichten von verlassenen Plattenbauten, auf deren noch brauchbare Wohnungen die Partei Zugriff hatte bis zu Gründerzeitvillen mit höflichen Kellnern und umfangreichen Cognac-Vitrinen (ehemalige Stasi-Domizile, so vermuteten wir). In einer der Plattenbau-Wohnungen, die wir nutzten, war eine leidlich angenehme Badewanne. Dr. Seltsam ließ sich ein Bad ein und nahm lesend in der Wanne Platz. Stein kam kurz danach hinein und wünschte zu pinkeln, wurde aber abgewiesen, weil das beim Baden abstoßend sei. Kurzerhand pinkelte der Neuköllner Berserker daraufhin bei Dr. Seltsam in die Wanne – eine Tat, die ihm bei allen anderen Mitgliedern der spätpubertierenden Truppe großes Lob eintrug und die sich schnell zur veritablen Anekdote auswuchs.

Auf dieser Tour kam es zu Liebschaften, teils mit der restsozialistischen Bevölkerung, teils mit Frauen, die mitgereist waren. Mir oblag es, der Tölpel zu sein, der sich tatsächlich während der Tour verliebte. Die Geschichte war gerade ein paar Tage alt, als ich die bewusste Dame mit Stein im Bett vorfand. Leider kann ich mich an die Erklärung, die der Meisterschwadroneur in diesem Moment abgab, nicht mehr erinnern. Unvergesslich ist mir aber, was Michael Stein irgendwann um 2 Uhr morgens durch einen Plattenbaukorridor brüllte, ein Satz, der weniger seine feinsinnige und mehr seine großkarierte Holzfällerseite betonte: “Ich will Ost-Fotzen!”

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Weitere Nachrufe und Infos:
Michael Stein: In tiefer Trauer (Salbader)
Robert Weber zum Tod von Michael Stein (taz)
Michael Stein (Die Surfpoeten)
Lieber Michael (Volker Strübing)