Von Dr. Seltsam für Antifa 2/2007

(1) Als Lübecker Jung erlebte ich meinen Konfirmandenunterricht in der wie eine Naziburg gebauten Lutherkirche, in deren Vorraum eine Gedenktafel an Pfarrer Stellbrink gemahnte, ein nicht sehr sympatisch wirkender, streng aussehender Geistlicher mit Hitlerbärtchen. Niemand sagte uns, daß er 1944 als Hitlergegner hingerichtet wurde. Dass soviele bedeutende Antifaschisten aus Lübeck kamen, war den Lübeckern meiner Jugendjahre noch im Nachhinein peinlich: Die Manns, Willy Brandt, Julius Leber. Erich Mühsam wurde nicht mal erwähnt, bis sich endlich Ende der 80er Jahre die rege Erich-Mühsam-Gesellschaft bildete. Man kann also nicht gerade behaupten, dass die Stadt Lübeck sehr wohlwollend mit ihren Märtyrern umgegangen wäre, von den vier Pfarrern mal abgesehen.

(2) Umso lobenswerter ist nun die Veröffentlichung von Marianne und Günter Wilke “Lübeck unterm Hakenkreuz” im Rahmen der VVN/BdA Schleswig-Holstein. Daraus erfuhr ich nun, daß Pfarrer Stellbrink tatsächlich Mitglied der Nazipartei war und ihr zehn Jahre lang treu gedient hatte. Tja: Lübecker Widerstand - so war es. Nichts erfuhr ich in meiner Jugendzeit von den tapferen Aktionen der Lübecker Hafenarbeiter, der illegalen KPD, die Emissäre der Komintern durch die anrüchigsten Hafenkneipen schmuggelten und über die Arbeiterfamilie Bringmann, die fast vollständig von der Gestapo ermordet wurde. Aber andere Dinge weiß ich, die ein sehr gespenstisches Licht auf die Lübecker werfen und die in dem Wilke-Buch nicht vorkommen. Damit nun kein allzu guter Eindruck von den “anständigen” Lübeckern ensteht, hier einige der bösen Fakten, zur Ergänzung:

(3) Die größte Firma in Lübeck sind heute die Draeger-Werke. Heinrich Dreager war Wehrwirtschaftsführer und besaß ein eigenes KZ mit mehreren hundert russischen Zwangsarbeiterinnen. Gelegentlich wurden angeblich “faule” Arbeiterinnen an einem Galgen im Firmengelände aufgehängt und zur Warnung der Belegschaft hängen gelassen Ende 1944 erschoss die SS zwei Frauen “auf der Flucht”. Eine existierende Widerstandsgruppe im Lager wurde verraten, gefoltert und ausgelöscht, weder am Firmengelände noch sonst irgendwo wird an die Opfer erinnert, keiner weiß ihre Namen, und es gibt keine ABM unter den vielen arbeitslosen Geisteswissenschaftlern der Hansestadt, um diese Vorkommnisse zu erforschen. Eine Draegertochter ging in meine Gymnasiumsklasse, natürlich wusste auch sie nichts davon.