Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Rede bei Gelöbnix Nr. 10, Protestversammlung gegen das Rekrutengelöbnis der Bundeswehr, am 20.Juli 2007 am Bendler-Block in Berlin, Stauffenbergstraße.
Mit der Vereidigung der neuen Rekruten am Bendlerblock erinnert die Bundeswehr wie jedes Jahr an den 20. Juli 1944. Das ist eine sehr zwiespältige Tradition. Bekanntlich erstrebten die Attentäter, die bis dahin brav und gehorsam jeden Völkermord mitgemacht hatten, einen “Faschismus ohne Hitler”: Eine Woche nach der Landung der Alliierten in der Normandie wollten sie ihren Arsch retten vor der völligen Niederlage. Aber immerhin waren es deutsche Offiziere, die die Hütte ihres obersten Kriegsherrn in die Luft geblastet haben und wir hoffen, daß es ein paar deutsche Soldaten gibt, die auch diesen Brauch weiterführen. In Kabul gibt es auf jedem Basar Equipment zu kaufen, mit dem man den nächsten überraschenden Besuch eines NATO-Ministers zu einem überraschenden Feuerwerk gestalten könnte. Und noch eine Tradition: Im letzten Jahrhundert haben alle deutschen Armeen die Kriege, die sie vom Zaun brachen, haushoch verloren und wir wollen alles dafür tun, daß es auch bei dieser schönen Regel bleibt.
Es war der SPD-Minister Scharping, der das Gelöbnis auf den 20. Juli legte, danach wurde er vom Kriegsminister zum Radsportpräsidenten, also zum deutschen Dopingchef. Kein Wunder, daß ausgerechnet die Bundeswehr jetzt das größte Dopeanbaugebiet der Welt und dessen Warlords vor Angriffen beschützt. “Sei sicher, sie planen mit dir jetzt schon Kriege”, warnte Brecht, und auch für die Rekruten, die hier den atavistischen Unsinn der Opferweihe vollziehen, sind die Leichensäcke schon bestellt. Aus dem Vietnamkrieg sind in den Siebziger Jahren hunderttausende Helden als drogensüchtige Wracks in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt und haben dort die Verbrechensrate dastisch in die Höhe getrieben. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Mamis und Papis, die hier womöglich stolz und bieder ihre Söhne und Töchter zum erstenmal in Uniform sehen, später weinen werden, wenn ihr Kind als Junkie aus dem Fergana-Tal zurückkommt und die Oma beklaut wegen zwanzig Euro für den nächsten Druck. Und falls es bei der Nachbarsoma nicht so glimpflich abgeht, wenden sie einfach das an, was sie in den drei Jahren am besten gelernt haben: Foltern und Töten. Viel Spaß dann in Calw und Weißenfels und wo auch immer die Folgen dieses Krieges aufbrechen werden: Man wird den Tag, an dem diese Kinder dem Kriegsgott geweiht wurden, einst verfluchen!
Es tut mir leid, daß ich für ihre zukünftigen Klagen so gar kein Mitleid werde aufbringen können, denn mein Mitleid wird aufgebraucht für die Opfer dieser Opfer, für die unschuldigen Menschen in Afghanistan. Der Anlaß für den Krieg in Afghanistan war angeblich der 11.September, jener Angriff von riesigen Düsenjets auf das World Trade Center, gesteuert von arabischen Studenten, die nicht mal eine einmotorige Cessna Privatmaschine fliegen konnten und elektronisch angeleitet von dem nierenkranken Scheichsohn Osama Bin Laden aus den Tiefen einer Höhle im Hindukusch. Das ist die offizielle Version der US-Regierung und die bei weitem dämlichste und unwahrscheinlichste Verschwörungstheorie, die man sich ausdenken kann. Für diesen Vorwand werden aber große Kriege geführt und seit 2001 über eine Viertelmillion Menschen getötet, auch mithilfe von deutschen Soldaten. Wie verrückt das ist, läßt sich allein daran ablesen, daß die Hälfte der USA-Bürger glaubt, der Irak stecke hinter den Anschlägen, dabei hätte jeder Islamist unter Sadam Hussein sein Leben im Knast beendet. Aber für diese Lügen werden die jungen Soldaten in den nächsten Monaten töten und sterben müssen. Berichte zeigen, wie sie im Krieg verrohen, mit Totenschädeln onanieren, in ihrer Freizeit auf Eselchen schießen oder auf kleine Kinder. Seit vier Jahren sind die Krisenreaktionskräfte der Bundeswehr vor Ort, speziell zur Terrorbekämpfung ausgebildete Rangertruppen, das heißt zum lautlosen Töten abgerichtete Killermaschinen. Und in diesen vier Jahren haben sie keinen einzigen Gefangenen gemacht. Wem sich bei dieser Tatsache nicht der Magen umdreht, muß wohl das Gemüt eines Schlächtersohns wie Josef Fischer haben.
Wenn die BRD am Hindukusch verteidigt wird, dann ist es andersrum das Recht jedes Afghaners, die Rechte seines Stammes und die Würde seines Lebens am Hottengrund zu verteidigen (= Große Berliner Kaserne in Südberlin). Man muß sich nur mal in die Lage eines unschuldig Angegriffenen versetzen: die Deutschen zahlen mit ihren Steuern die hochgezüchtete Technologie, die Tornados, die Minen von Daimler Benz, die Raketen von Airbus und Streubomben, die die afghanischen Familien töten, und sie ermöglichen mit ihrem Gehorsam und ihrer Schafsgeduld den Mördern ein sicheres Hinterland. Leider ist es so im Völkerrecht: wer es nicht schafft, seine Regierung an Kriegsverbrechen zu hindern, muß die Folgen mittragen. Mitgefangen, mitgehangen. Es ist klar, daß wir in den Augen eines solchen Menschen alle schuldig sind und wir sollten uns dann nicht wundern! Es ist der Krieg gegen den Terror, der den Terror erzeugt.
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Es gibt nicht nur die unselige Tradition der Armee, sondern auch die Tradition der Gegenkräfte. Heute treffen wir uns bereits zum 10.mal zum “Gelöbnix”. Das ganze begann 1996 mit einer “Feierlichen Vereidigung der Gartenzwerge” und mit AMOK, einer Demonstration von 10.000 Menschen gegen die Bundeswehr in Berlin. AMOK hieß das Anti-Militärische Oberjubelkommitee und es kamen als Generäle verkleidete Studenten mit vollgeschissenen Unterhosen, Pfaffen führten eine Herde Schafe in den Krieg und vom Straßenrand weg wurden Schaulustige “verhaftet”, in Guantanamo-Rollkäfige gesperrt und zu einer “einstweiligen Erschießung” verurteilt, das waren zum Teil sehr prophetische Bilder, wenn man an die aktuellen Pläne von Herrn Schäuble denkt.
Die jährlichen Störungen der Vereidigungen wurden legendär. Nackte Demonstrantinnen wurden von fiesen Feldjägern durch die Reihen gejagt und veranlaßten den Schauvi Schröder zu der Bemerkung, die hätten ja ziemlich dicke Hintern. Hochgerüstete Sicherheitskräfte verhafteten Regenschirme mit der Aufschrift “Tucholski”, Scharping stotterte herum und befragte Rekruten, ob sie sich schon freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hätten, und der begleitende Inspekteur beruhigte vielsagend: die müßten sich ja erst in sechs Monaten freiwillig melden. Wir kamen sogar in die Spitzenmeldung der Heute-Nachrichten, als Jürgen Trittin erklärte, es sei gar keine öffentliche Vereidigung, sondern die Bundeswehr verkrieche sich hinter Zäunen und Sicherheitswahn; dann traten die Grünen in die Regierung ein und begannen den Krieg in Jugoslawien, da wollte der Herr Minister Trittin nicht nochmal die Hauptrede halten. Ich nahm ihm diese Mühsal ab und wiederholte Wort für Wort die Rede vom Vorjahr und die Sender blendeten die Reden 1 zu 1 übereinander. Es ist ein Wunder, daß die Grünen sich von dieser offenkundigen Wandlung zur Hauptkriegspartei jemals wieder erholt haben, aber so sind die deutschen Wähler nunmal. Alles das, weder die super peinlichen Aufführungen der Staatsspitzen, noch die witzigen Gegenaktionen haben die Gelöbnisfeiern verhindern können, wir haben nur erreicht, daß sie sich immer mehr hinter ihre Bunker zurückziehen mußten und daß sie die Stadt immer weiträumiger absperrten, um vor unseren lautstarken Protesten “beschützt” zu sein.
Wir haben wenig erreicht und so braucht man nicht lange nach Erklärungen zu suchen, warum diesmal bei der Gegendemonstration nur hundert Leute zusammengekommen sind; es ist schwer, gegen einen immer wieder machtvoll gefeierten Mythos anzugehen. Ich begrüße jeden von euch persönlich und beglückwünsche euch dazu, daß ihr nicht nachgebt, sondern eure Friedensbereitschaft auch als Minderheit demonstriert. Außerdem wären wir ja viel mehr, wenn die Polzei nicht unsere Clownsarmee am Betreten des Versammlungsortes gehindet hätte, mit der Begründung, bunte phantasievolle Clownsfarben im Gesicht wären eine Vermummung und das “gefährdet die Sicherheit”. Diese Idioten, sie wissen gar nicht, daß wir die für sie gefährlichsten Waffen in unseren Köpfen tragen, nämlich den Traum vom Frieden und der Abschaffung imperialistischer Kriege. Und wir sind nicht allein, sondern wir gehören zu den Hunderttausend vom 2. Juni in Heiligendamm und wir werden auch am 15. September wieder soviele sein bei den Protesten gegen die Verländerung der ISAF-Mission der Bundeswehr. Bei einer ähnlichen Aktion, dem Ostermarsch, der vor einigen Jahren auch mal mit einer verschwindend kleinen Menge Demonstarnten vorlieb nehmen mußte, fragte mich eine Jounalistin, wo die ganzen Leute bleiben, und ich sagte ihr: “Wissen Sie, ich würde auch ganz alleine demonstrieren, denn hinter mir marschiert die Armee der durch Atombomben und im Krieg Getöteten, und das sind so viele, daß sie gar nicht alle in eine Stadt passen würden, das ist nämlich die riesengroße Mehrheit, und diese Mehrheit ist gegen den Krieg! Sie sehen sie nicht, aber ich sehe sie.” Selbstverständlich ist dieses Interview nicht gesendet worden, wahrscheinlich hat mich die Praktikantin von pro7 für verrückt gehalten. Aber ich sage euch, den Friedfertigen wird die Erde gehören und nicht Gewalthabern den Mördern und Soldaten. “Unsere Tradition heißt: Demokratie für die Toten”, und die sind gewiss gegen den Krieg. Und Danke an euch, daß wenigstens ihr da seid.
DR. SELTSAM, 20. Juli 2007
Vorgesehen für die “Zeitung gegen den Krieg” zum
15. September 2007 - das Blatt ist nicht erschienen.
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(1) “Warum wird eigentlich nur die Tradition des mißglückten Attentats der Wehrmachtsoffiziere so glorifiziert, es hat wohl mehr als zehn mißglückte Attentatsversuche auf Hitler gegeben, da hätte man sich auch ein paar bessere=demokratische Täter als Bundeswehr-Vorbild aussuchen können, z.B. Georg Elser, die bewaffnete jüdische Gruppe um Herbert Baum, oder den Schweizer Theologiestudenten Maurice Bavaud, über den erstmal nach 1945 Rolf Hochhuth eine verdienstvolle Untersuchung geschrieben hat: Tell38 (Hitler hat nämlich nach bekanntwerden der Attentatspläne von Maurice Bavaud die Aufführung von Schillers Tell auf den deutschen theatern verboten!)”
Peter Weck, 23. 7. 07
(2) “Ich erinnere mich gerade an deine Rede auf dem GelöbniX und lese dazu einen treffenden Kommentar in den “Briefen an die Leser” in Titanic 8/07: “Peter Steinbach! Als Leiter der Gedenkstätte “Deutscher Widerstand” kritisieren Sie, beim Rummel um den Scientologen Tom Cruise und seine Stauffenberg-Filmrolle würde “Die Aura des Ortes…zur Ware verkommen”. Wir wissen nicht, wie dieser Tag und sein Gedenken noch warenförmiger werden kann als er schon ist, wohl aber, daß man diesen Ort, ehemals Oberkommando des Heeres, von dem die Hitlerschen Raubzüge ausgingen und nun wieder die weltweiten Einsätze der Bundeswehr, mitsamt seiner verdammten Aura besser gleich abgerissen hätte.” Kannst du ja vielleicht nächstesmal mitverwenden.”
Jule Benzo, 30. 7. 07
(3) Gleich nochmal Titanic 8/7, im Text von Max Goldt: “Als ihr nach einem Fußballsieg der Deutschen über England zu Ohren gekommen war, Helmut Kohl habe sich erfreut darüber geäußert, daß man die Engländer ausgerechnet in ihrem Nationalsport habe übertrumpfen können, ließ sie Helmut Kohl ausrichten, daß die Engländer die Deutschen in deren “Nationalsport” im 20. Jahrhundert bereits zweimal besiegt hätten.” da dies Jahr augerechnet Helmut Kohl die Gelöbnisansprache hielt, hätte dieser hinweis sehr gut gepaßt. Leider gibt es keine Zusammenarbeit zwischen den literarischen Antimilitaristen, so erfährt man die Guten Witze erst hinterher.
Jule Benzo, 30. 7. 07
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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