Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Seiten: 1 2
Von Dr. Seltsam
Junge Welt, 4. Juli 2007 unter dem Titel:
BIG BLACK CAR oder: Politik für Arme
Petra Pau war als Diskussionsrednerin angekündigt und das war Grund genug, sich den zu erwartenden Clash of Cultures zwischen der Chef-Spruchblase der DDR-Staatslinken und der radikalen Parteibasis im größten Berliner Armutsbezirk unter kabarettistischen Auspizien anzusehen. Auf dem Höhepunkt der 68er Kulturrevolution hackte uns die Eliteband Cream das unvergängliche Bild vom asozialen politician ins Hirn: Du fährst in deinem dicken schwarzen Auto vor etc. Falls Sie diese CD gerade griffbereit haben, lassen Sie sie im Hintergrund laufen, Sie haben beim Lesen doppelte Einsichten.
Das big black car ist eines der auffälligsten Korrumpierungsmittel für Abgeordnete, neben der Verfügungsmacht über Beträge, die Monat für Monat hundertmal Hartz IV ausmachen und aufstrebende Jungkarrieristen mit Assistentenjobs belohnen dürfen. In Neukölln fahren nur Drogendealer so fette Mercedes und das Geschäft der Abgeordneten ist ja irgendwie auch verwandt damit.
Unvergeßlich ist mir der Anblick von Genossin Pau, wie sie am Grab von Rosa Luxemburg neben der frierenden Demonstrantenkette ihrem sargfarbenen Luxusschlitten entsteigt und mit dem Grinsen der Angekommenen auf dem Gesicht von acht Bodyguards zum Ablegen der Roten Nelke geführt wird, unter dem Johlen der Zeugen am Glühweinstand. Das war 2000 und seitdem ist sie noch mehr “angekommen”. Mir fällt Gysi ein, der zum Thema Korruption durch Privilegien sagt: Wissen sie wenn ich hier aufhöre, arbeite ich wieder als Anwalt und das ist auch schön! Neskovic würde wieder Bundesrichter und Kirsten Tackmann Tierärztin, verlockende Aussichten wenn man Leuten wie Westerwelle nicht mehr begegnen muß. Aber Genossin Pau wäre nichts weiter als eine arbeitslose FDJ-Sekretärin und würde von Hartz IV existieren wie die meisten hier in Neukölln.
Genossin Pau ist aber heute abend diplomatisch “krank” und mir entgeht das schöne Schauspiel, wie sie sich inmitten der Türken- und Drogenslums, die das Kapital von nutzlosem Menschenmaterial übrigläßt, frisch gefönt aus Ledersitzen schält. Am Ende steht doch ein schwerer schwarzer Benz der Bundestags-Fahrbereitschaft herum, nicht etwa auf der Straße, wo immer noch geübte Jungs der Anzünderbrigade unterwegs sind, sondern im geschützten Hof der Werkstatt der Kulturen, ein vergleichweise sicherer Hafen im Meer der Armut. Der wartet auf Klaus Ernst.
Seiten: 1 2
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
Hinterlasse eine Nachricht
Du musst angemeldet sein um einen Kommentar zu hinterlassen.