Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Sommerdebatte Text 4
Junge Welt, 21. Juni 2007, Thema, Seite 11
Die Radikalisierungsgeschwindigkeit in der eigenen kollektiven Hand behalten: Nach Heiligendamm braucht es geduldige Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit und Anstrengungen auf der lokalen Ebene. Es gilt, eine neue Offensive sorgfältig vorzubereiten.
Von Commander Shree Stardust
Angesichts des Schlagabtauschs Dr. Seltsam/Jürgen Elsässer muß ich zunächst mein weitestgehendes Unverständnis zu Protokoll geben, worüber hier eigentlich debattiert wird. Gemeinsam ist beiden Autoren, daß sie die Ereignisse des Jahres 2007 in den Diskurs ihrer eigenen Generation und das Framework ihrer Biographien zu zerren versuchen. Gemeinsam ist beiden Texten, daß sie auf sehr unterschiedliche Weise sehr gefährlich, ja schädlich sind für die aktuelle Bewegung. Thomas Wagner sei dank, will ich, abgesehen von obigem Zitat, meinerseits vor allem auf den anderen der beiden Autoren eingehen: auf den von mir als Künstler bewunderten und ob seiner Sprache hochgeschätzten Dr. Seltsam.
Dr. Seltsam ist ein fröhliches Kind der ‘67er Rebellion. Demgemäß bringt er einen wunderschönen, das Kämpferherz erfrischenden Text, der in erster Linie vom 2. Juni 1967 handelt. Weiter sucht und findet der seltsame Doktor fleißig Parallelen zum 2. Juni 2007, und vielem, was er schreibt, wäre zuzustimmen, wenn es am Ende nicht so hochgefährlich zu sein verspräche.
Staatsbesoldete Provokateure haben ihren Anteil gehabt an den Rostocker Straßenkämpfen. Das äußerst medienwirksam brennende Auto, beispielsweise, geht ziemlich sicher auf deren Konto. Das eine Auto hat aber keineswegs die historische Fanalwirkung gehabt, die Dr. Seltsam ihm zuschreiben möchte – zum Glück. In der für sich genommen absurd aufgeblasenen Provokateursdebatte zwischen Elsässer/Seltsam verbirgt sich nämlich eine andere und entscheidende Frage: die nach der Kontrolle über die Radikalisierungsgeschwindigkeit einer Bewegung.
Entscheidend ist nicht, ob es Militanz gibt, sondern wer das entscheidet. Was wir benötigen, ist Organisation der Militanz als Teil der Gesamtbewegung und Reflexion über ihren Sinn oder Unsinn in konkreten Situationen. Oberstes Ziel ist die damit einhergehende Fähigkeit einer Bewegung, die Entscheidung über das Ob, Wann, Wo, Wie und Wie-weit der verschiedenen Kampfmethoden in der eigenen kollektiven Hand zu behalten. Erst das würde echte Handlungsfähigkeit bedeuten.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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