Der Künstler als Kleinbürger zwischen den Klassen.

Marx-Gramsci-Lukacs-Bloch und andere.

Referat von “Dr. Seltsam” /Wolfgang Kröske, Berlin, zur Tagung der Erich-Mühsam-Gesellschaft “Kunst als politische Waffe oder als Mittel der Aufklärung?”

18.-20. Mai 2007 in Malente.

1. Teil

Kunst als Waffe – ein mythologisch wie historisch außerordentlich umfangreiches Thema: Schon die Mauern von Jericho im Alten Testament wurden durch den schrecklichen Lärm der Schofarhörner in ihren Grundfesten erschüttert und fielen einfach um (Josua 6). Musik als Waffe dient von den Luren der Wikinger über die Kakophonien der Janitscharen bis zum “Judenblut-vom-Messer-spritzt” des Horst-Wessel-Lieds der Einschüchterung des Gegners, er soll durch Lautstärke, Mißtöne und Brutalität von Gegröhle und Text bereits vor Kampfbeginn so eingeschüchtert werden, daß er sich nicht mehr wehrt. Die Friederizianischen Trommeln und Pfeiffen, die Kommando-Trompeten bis zur modernen Militärmusik haben das gegenteilige Ziel: Die dressierten Rekrutenreihen sollen bindlings ins gegnerische Feuer laufen und sich umstandslos töten lassen, insofern ist schon jedes harmlose Marschmusik-Festival als Kriegshandlung zu werten und man sollte die unverbesserlichen Verrückten, die sowas als Zuschauer goutieren, unter friendly fire nehmen.

Aber nicht nur Musik erzeugt Zerstörung. Eine selten krasse Wirkung von Literatur berichtet das 4. Buch Mose: Als die aufrührerische Rotte Korah, dieselben Leute, die schon durch die Anbetung des Goldenen Kalbes von sich reden machten, dem ewigen Symbol für Kapitalismus und Mammon, wiedermal die einträglichsten Priesterplanstellen des Volkes Israel für sich beanspruchten, spricht Mose ein Machtwort , “und es geschah, als er diese Worte ausgeredet hatte, da spaltete sich der Erdboden und verschlang alle, die Korah angehörten und ihren ganzen Besitz.”(4.Mose 16) Welch romantische Vorstellung: Wenn man die Bösen Worte wüßte, könnte man sich im Frankfurter Bankenviertel positionieren und die heutigen Anbeter des Goldenen Kalbes im Erdreich versinken lassen, samt “ihrem ganzen Besitz!” Beim Untergang von Sodom und Gomorrha verwandelt der starke Effekt der Feuer- und Schwefel-Eruptionen Lots Weib in eine erstarrte Salzsäule, eine Kunstwirkung, die das moderne Theater vergeblich zu wiederholen versucht, hier verwandelt die tobende Langeweile die Zuschauer höchstens in bebende Schnarchsäcke.

Gibt es also einen nachweisbaren Zusammenhang von Kunst und Wirkung, der über das geschmacklich-dekorative Unterhaltungsbedürfnis hinausreicht? Im griechischen Altertum war die Vorstellung Allgemeingut, die Künste und das Geistige überhaupt besäßen unter idealen Bedingungen die Macht, Menschen und Gesellschaften zu beeinflussen und zu verändern wie mit Waffengewalt; die Griechen erfanden wie für alle Natur-Mächte eigene Symbolgestalten, die neun Musen, die im Gefolge Apollos auftraten, dem Gott der Schönheit. Kalliope symbolisierte die epische Erzählkunst, Melpomene Tragik, Thalia die Komik auf dem Theater. Euterpe vertrat die Lyrik, Terpsichore Tanz und Chor, Erato die Liebesdichtung.

Besonderes Pech traf die für Dichtung von Hymnen zuständige Polyhymnia in Deutschland: In Ost wie West wollte man nicht mehr die Urfassung der Staatshymnen singen, weder “Deutschland über alles” noch “Deutschland einig Vaterland”, auch der schöne Brechttext wurde bei der Vereinigung verworfen, so daß man hier immer noch nach der Melodie eines ehemals befeindeten Nachbarstaates öffentlich feiert, dem hübschen Kaiser-Quartett für Joseph I von Österreich. Urania beschützte die Astronomie samt allen schicksalsdeutenden Ableitungen, quasi die Muse der Zukunft, während mit dem Papyrus in der Hand Klio die Vergangenheit bzw. Geschichtsschreibung darstellt.