Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Für ANTIFA 2/2007 von Dr. Seltsam
Selten hatte das Berliner Filmfest solch vielversprechenden Anfang. Die Filme der ersten zwei Tage hatten jeder auf seine Weise das Thema Faschismus zum Inhalt und behandelten es auf unterschiedliche Weise. Durch diese kleine Überforderung bekam man einen Begriff davon, wie vielfältig und interessant die Medienwelt unter dem Diktat eines “verordneten Antifaschismus” sein könnte oder wie angenehm, falls Antifaschismus eine selbstverständliche Grundhaltung der Medienschaffenden wäre.
Edith Piaf war nicht nur eine wunderbare Schnulzensängerein und Chansonnette, sondern hielt unter dem Einfluß iher Freundin Marlene Dietrich Kontakt zur Resistance. Genauso wenig wie Picasso in Paris unter deutscher Besatzung verboten war, so wurden auch die populären Piaf-Konzerte von der Gestapo geduldet. Sie wurde sogar gefragt, ob sie für die Bewacher in einem Gefangenenlager singen würde. Sie entsprach diesem wahrhaft “unsittlichen Antrag”, brachte aber ihren Fotografen mit, der viele deutliche Fotos von den Gefangenengesichtern machte. Daraus machte die Resistance falsche Ausweise, die den Genossen zur Flucht verhalfen: Eine Heldentat, für die sich ein Deutscher in den Himmel loben würde, in Frankreich erschien es so klein und normal, daß die Piaf es später nicht der Erwähnung für wert befand. So taucht diese bemerkenswerte Szene in dem Eröffnungsfilm “LA MOME” oder La vie en rose von Olivier Dahan mit der kongenialen Sängerein Marion Cotillard und Gerard Depardieu auch gar nicht auf. Wir aber kennen sie und sehen diesen tränenseligen Musikfilm nun mit ganz anderen Augen.
Dann die Überraschung! Ich hasse Fußballfilme, dieses blöde Hinterherlaufen hinter dem Lederbalg, nur um der eigenen Nation Lustschreie zu entlocken , ist für mich gerade nach den beiden deutschen Versionen Bern 54 und Sönke Wortmanns WM-Film eine Vorstufe rassistischer Hetze, das widerliche Fahnenschwenken gar ein Rückfall in grinsende Barbarei. Aber dann im Gegenteil dieser Film: “O ANO EM QUE MEUS PAIS SAIRAM DE FERIAS”, zu deutsch: Das Jahr, als meine Eltern im Urlaub waren von Cao Hamburger aus Brasilien. Der Film schildert aus der Sicht eines neunjährigen Jungen, der natürlich nichts als Fußball im Kopf hat und Torwart werden will, den Faschismus unter der brasilianischen Militärdiktatur im Jahre 1970, als Brasilien mit Pele in Mexiko Fußballweltmeister wurde. Die Eltern des Jungen sind Kommunisten im Widerstand und müssen sich verstecken. Das mußten viele Eltern damals und der Euphemismus, mit dem man die Kinder zu beruhigen versuchte, hieß: Die Eltern sind in Ferien. Er kommt zu seinem Großvater inmitten der Tausende von deutschen Emigranten umfassenden jüdischen Gemeinde in Sao Paolo, wo es ebenfalls zum Guten Ton gehört und ganz selbstverständlich ist, gegen den deutschen Faschismus Widerstand geleistet zu haben und jetzt auch Solidarität mit den kommunistischen Studenten übt, wenn sie von der Polizei mit Pferden niedergeritten oder gefoltert werden.
Neben vielem anderen ist dies das Angenehme dieses Films: Die Selbstverständlichkeit, mit der man als anständiger Mensch Antifaschist ist, eine wohltuende Grundhaltung nach den ganzen Problemfilmen des Deutschen Fernsehens, wo die Protagonistinnen lange moralische Kämpfe führen, ob sie nun dem “Dämon Hitler” erliegen sollen oder nicht. Hinreißende Szene, wie die alten Juden auf jiddisch über Pele debattieren und ihrer neuen Heimat Brasilien die Daumen drücken. Im Unterschied zu den aufwändigen Rekonstruktionen der deutschen Fußballfilme sind die Sportszenen ganz einfach als Fernsehbild eingebaut und dennoch aufregend, nämlich durch die Zuschauerreaktion. Das erste Spiel der Brasilianer geht gegen die CSSR und das erste Tor fällt für den Osten: Ein kommunistischer Student ist in der Kneipenrunde der einzige, der sich linientreu freut: Hurra, ein Sieg für den Sozialismus! Aber als dann Pele trifft, verwandelt der sich in den wildesten Brasilfan von allen. Das ist herzerfrischend undogmatisch und lebensecht. Und am Ende rettet er sich vor der Polizei. Ein schöner Film, in jeder Hinsicht geeignet für die politische Arbeit unter Sportlern und nationalen Fußballfans, besonders weil die Juden so sympatisch erscheinen.
Dagegen der semi-“offizielle” Antifafilm des Festivals, THE GOOD GERMAN mit George Clooney und Cate Blanchett kann man vergessen. Es soll ein technisch brillantes Remake von CSASBLANCA sein, aber da sollte man sich lieber zum fünfzigsten mal das unvergleichliche Original ansehen. Leider wird genau dieser Film mit großem Brimborium in die Kinos kommen und genau wie jetzt der Oscar für die lächerliche Stasilegende Das Leben der anderen unverdiente Medeinaufmerksamkeit erhalten. Von unserer Seite aus sollte dagegen der sachsenhausenfilm DIE FÄLSCHER so offensiv wie möglich propagiert werden. Ein großartiger Antinazifim, über den wir noch mehrfach schreiben werden. DR. SELTSAM
Dr. Seltsam empfliehlt:
DIE FÄLSCHER
Für antifa, Juni 2007. Von Dr. Seltsam.
Warum die Stasischmonzette “Das Leben der anderen” alle Filmpreise einheimste und der KZ-Film “Die Fälscher” bisher keinen, das ist, wenn es dessen noch bedurft hätte, ein Beweis für die ganz selbstverständliche unbewußte rechte Grundeinstellung unserer Medienwarte und Kulturfunktionäre. Der Film ist gut, hat ein “Großes Thema”, enthält großartige Schauspielerleistungen und intelligente Lösungen gewisser ästhetischer Probleme und der Hauptdarsteller Karl Markovics versteht es mindestens ebenso gut wie Ulrich Mühe beim Abhören, die widerstreitenden Gefühle angesichts der Naziverlockungen auf seinem lebensharten Gesicht abzubilden. Das Problem ist wohl, daß es ein Film gegen die Nazis ist und nicht gegen die DDR.
Ein Unterschied bleibt bestehen: “Das Leben der anderen” ist ein Märchen mit Bezügen zur Orwellschen US-Realität, “Die Fälscher” dagegen erzählen eine wahre historische Begebenheit, das “Unternehmen Bernhardt”. Um die Wirtschaft ihrer Kriegsgegner zu unterminieren, errichteten die Nazis mit qualifizierten Gefangenen eine umfangreiche Falschgeldproduktion und nur die Verzögerungstaktik der Kommunisten hat verhindert, daß dieser Plan in vollem Umfang gelang. Diese Geldfabrik befand sich im Konzentrationslager Sachsenhausen und es ist eine der großen Unbegreiflichkeiten unserer Zeit, warum dieser Film in der Gedenkstätte nicht täglich gezeigt wird und warum das bekannte historische Areal nicht speziell gekennzeichnet wird. Eine bessere Konnektion zur Tagesaktualität, die wir uns im Interesse jugendlicher Besucher dort immer wünschen, läßt sich kaum denken. Ja, sogar eine großaufgemachte Filmgala zur Promotion dieses wichtigen Films wäre wünschenswert. Der Einwand, daß nicht alle Einzelheiten der Story total genau stimmen, ist bei einem Filmkunstwerk obsolet – und wurde übrigens beim “Leben der andern” auch nicht gemacht…Dafür kann man die Grundlage des Films bewerben, das aktuelle Buch des österreichischen Kommunisten A. Möller der als Augenzeuge alles erlebte (in dem Fim gepielt von August Diehl) und gemeinsam mit Heinrich Fink schon einige Lesereisen zur Vorstellung des Buches unternommen hat.
Um gleich mit meiner Lieblingsszene zu beginnen, muß ich hier verraten, daß die Hauptfigur, der kriminelle Geldfälscher, das KZ überlebt und danach mit einer gehörigen Menge der exellenten Blüten nach Monte Carlo fährt und binnen einer Nacht Millionen verspielt. Ich sehe in diesem “unvernünftigen Verhalten” die Intensität der eingesperrten Träume gespiegelt, die überlebensnotwendige Sehnsucht nach Rausch, nach Verschwendung, nach Freiheit. Die wenigsten Gefangenen haben nach ihrer Befreiung sowas gemacht, geträumt hat davon jeder. Als das Geld weg ist, bekommt er, wie bei guten Verlierern üblich, von der Direktion des Casinos eine Flasche guten Champagner und setzt sich einsam an den Meeresstrand und ist in diesem Moment nach allen Kriterien der modernen neoliberalen Dumpfjupppies sowas von “looser”. Aber die schönste Frau des Abends kommt zu ihm, findet ihn interessant, teilt seine Trauer und tanzt mit ihm zu leiser Musik am Meeresstrand. “All das schöne Geld!”, klagt sie, und er, voller Lebensmut: “Wir machen uns einfach neues!” So bleibt er am Ende Sieger über Nazis, KZ und Kapitalismus, über psychotische Ängste, Schuld und Qualen der Vergangenheit, und wir hollywoodverwöhnten Zuschauer lieben natürlich die Sieger, vor allem wenn sie von unsrerer Seite sind. Mit anarchistischer Grandezza des Kleinkriminellen wird er auch in Zukunft “sich´s richten” wie schon in Mauthausen. Die menschliche Substanz haben die Schergen nicht zerstören können. Ich finde das nicht kitschig, sondern ermutigend.
Wie in jedem KZ-Fim ist das ästhetische Hauptproblem: Wie gehe ich mit den Nazigräueln um? Wenn sie so geschildert werden, wie die Opfer sie erlebt haben, bekommt der Film eine Schlagseite ins Sadistische und erreicht die mit Sicherheit falsche Klientel der SM-Pornografen; verschweige ich Tatsachen, habe ich die harmlose Ästehtik der TV-Soaps, wo wohlgenährte Statisten mit gutem Gebiß ins Gas wandern und dabei beten. Man muß also für die Wahrheit einen “Spiegel” haben, damit es für heutige Zuschauer verständlich und erträglich wird. Dieses Problem wird in den “Fälschern” auf neue Art gelöst: Die hölzerne Trennwand zum Rest des Lagers wird zur Projektionsfläache des Furchtbaren, das sich auf der anderen Seite abspielt. Während die privilegierten Spezialgefangenen Tischtennis spielen, werden jenseits der Wand die anderen gejagt und erschossen. Man kann die Angst unserer Helden nachempfinden, gerade weil sie nur abstrakt gezeigt wird und nur in unserem Kopf hergestellt wird neben dem unerbittlichen Beschluß: Nie wieder!. So kann man es machen, aber ob es dafür einen Oscar gibt? Ich plädiere immer noch für einen alternativen Antfa-Filmpreis, dieser Streifen wäre der erste Kandidat dafür.
Dr. Seltsam
Die Fälscher
Deutschland 2006
98 Minuten
Kinostart März 2007, läuft noch in vielen Programmkinos
Buch und Regie Stefan Ruzowitzky
Mit Karl Markovics, August Diehl u.a..
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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