Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, 30. Januar 2007
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Oskar Lafontaine bei Dr. Seltsam.
Von Sebastian Wessels
Junge Welt, Feuilleton, 1. Februar 2007
Um “Klamauk, Politik und Geheimnis” ging es am Dienstag abend im Berliner Kino Babylon. Gemeinsam mit jW-Autor Jürgen Elsässer führte Dr. Seltsam als Gastgeber durch ein musikalisch-politisches Varietéprogramm. Stargast war der Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag, Oskar Lafontaine. Nachdem Isabel Neuenfeldt mit Erich Mühsams Lied vom Revoluzzer für Stimmung gesorgt hatte, fragte Dr. Seltsam zunächst klamaukig nach Lafontaines Sohn: “Wie geht’s ihm? Wie heißt er? Mögen Sie ihn?” Es handelt sich um Carl-Maurice, den der Vater nach seiner Flucht aus der Schröder-Regierung demonstrativ vor die Presse getragen hatte. Ihm gehe es gut. Die dritte Frage wurde ignoriert. So viel zur Sparte “Geheimnis”. Dann wurde es politisch. Im Bundestag “sitzen nur neoliberale Parteien”, klagte Lafontaine. Eine interessante Einschätzung der Linkspartei, merkte Seltsam an. Auch das wurde ignoriert. Aber damit war man beim Thema, und Carl-Maurice interessierte nur noch im Hinblick auf die Frage, was Lafontaine sich vom neoliberalen Flügel seiner Partei alles gefallen lassen werde, bevor er wieder mit jenem spielen gehe. Die Berliner Koalition? “Aufgetischt.” Der Verkauf öffentlicher Wohnungen durch den Senat? “Fehlentscheidung”. Die Privatisierung der Berliner Sparkasse? Weiterhin “der Lackmustest” für die Koalition mit der SPD; komme es zum Verkauf, verliere sie ihre Berechtigung. Zur Aussage, daß dies ein Rücktrittsgrund wäre, ließ sich Lafontaine aber dann doch nicht hinreißen. Um den souveränen Redner vielleicht doch noch aus der Ruhe zu bringen, folterten die Gastgeber ihn und das Publikum mit einem Wahlwerbefilm der in Zeitlupe voranschreitenden “Troika”, bestehend aus Lafontaine, Gerhard Schröder und dem damals noch vollbärtigen Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping, der heute gewaschen und rasiert als Berater arbeitet. Sichtlich gequält behielt der Gast den Kopf. Als Elsässer wissen wollte, wie sich die Forderung der Linksfraktion nach einer Erhöhung von Hartz IV um 80 Euro mit dem gleichzeitig vertretenen “Hartz IV muß weg” vertrage, meinte Lafontaine, man habe ja keine Mehrheit, 80 Euro seien besser als nichts. Nur hier ging ein Murren durchs Publikum, dessen sonst einhelliger Applaus Dr. Seltsam zur Mutmaßung bewog, der Politiker habe darin Claqueure plaziert. Nach der Pause stellten die Moderatoren Elsässers Buch “Angriff der Heuschrecken” sowie den Dokumentarfilm “Loose Change” vor, der die offizielle Verschwörungstheorie um den 11. September in Frage stellt und auf DVD sowie im Internet kostenlos zu haben ist. Das “Spinning Ballroom Orchestra” bot flotten Swing, der in scharfem Kontrast zu den anschließend verlesenen, eher bitteren Texten über Afghanistan stand. Überhaupt war der Abend vom Thema Krieg durchzogen – Afghanistan, Irak, Iran. “Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen”, hatte Lafontaine den französischen Sozialisten Jean Jaures zitiert. Dr. Seltsam konzedierte, die Gegnerschaft zum Krieg müsse in jeder Kulturveranstaltung betont werden, worauf Elsässer mahnte, es genüge nicht, “schöne Abende wie diesen” zu verbringen; man müsse aktiv werden. Wieder so ein Kontrast: Das Programm schloß süß-besinnlich mit Tom Waits: “And it’s time, time, time / That you love”
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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