Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
KLEINE BILANZ : 100 x DR. SELTSAMS WOCHENSCHAU
Über zwei Jahre lang hat Dr. Seltsam fast jeden Sonntag neue Themen und Gäste zu präsentieren gewusst: Prominente wie Ströbele, Fink, Goldstein; Abgeordnete fast aller Parteien, auch von der CDU (Zeller), sogar einen ehemaligen Minister (Höpcke), mehrere Professoren und bekannte Begründer von politischen und sozialen Bewegungen, kurz: In der Wochenschau wurde aktuellere Politik vermittelt als bei Sabine Christiansen, und kritischer und auf höherem wissenschaftlichem Niveau allemal. Dabei ging es um Antifaschismus, asymmetrische Kriege, Ost/West-Toleranz und Hilfe für die Allerärmsten.
Zahlreiche Künstler waren in verschiedenen Formationen beteiligt: Musiker (Lüül), Autoren (Hochhuth), Bands (Prokopätz), preisgekrönte Comedy-Artisten (Fourschlag), um nur einige Beispiele zu nennen. Zu unseren Stammkünstlern durften wir zählen: Isabel Neuenfeldt, Marc-Uwe Kling, Ekki Busch, Holger Kulick, Heiko Werning, Horst Schwertdfeger, diverse Rap-Gruppen und der getreue Maler KPM Wulff aus Lünen, der zu jedem Showthema einen Packen Grafiken schickte, um die Auftretenden “mit echter Kunst” zu belohnen; aus seinen Lithografien und aus den Einträgen der Interviewpartner ist mittlerweile ein einzigartiges Kunstwerk entstanden: Unser Gästebuch.
Etwa 4.000 Plätze waren im Laufe von gut zwei Jahren insgesamt besetzt. Da wir viele Stammgäste haben, kann man sagen, dass wir knapp 2.000 Menschen erreicht haben. Einige wenige davon sind empört während der Show rausgegangen oder haben leichte Nervenzusammenbrüche erlitten. Die weitaus meisten aber haben gelacht, gestaunt und lebhaft mitdiskutiert, manchmal bis weit nach Showende. Zu den Plänen der Herrschenden aus vollem Herzen NEIN sagen und das auch klar begründen zu können, dafür bietet unsere Show einen einzigartigen Freiraum, um den uns gut versorgte, aber um ihre Positionen täglich bangende Kunstbeamte und Medien-Angestellte beneiden - sie sind weiterhin herzlich willkommen.
Bedanken möchten wir uns beim Wirtshaus Max & Moritz, dem wir keine Saalmiete bezahlen müssen - eine Seltenheit heutzutage. Auch möchten wir an dieser Stelle allen unseren bisherigen Mitwirkenden noch einmal herzlich danken, die, wie man so schön sagt, “ehrenamtlich” aufgetreten sind. Das heißt: Für jahrelanges Üben, nächtliches Schwitzen über Texten und stundenlanges Telefonieren gab es weder Aufwandsentschädigung noch Arbeitslohn, denn wir erhalten bislang keinerlei Subventionen. Wenn man vergleichsweise berechnen würde, was staatlich geförderte Theater für mitunter schlechtere Produktionen an Zuschüssen bekommen (z.B. Frank Castorfs Volksbühne pro Sitz pro Vorstellung 500 Euro), dann schuldet uns die Gemeinschaft eine halbe Million. Diese Summe haben wir, großherzig wie wir sind, der Öffentlichkeit geschenkt, und das nicht zuletzt dank unserer treuen Spender, die uns ermöglichen, über die Show in bescheidenem Maße zu informieren und die erforderliche Tontechnik zu besorgen. Auch ihnen, unseren “Sponsoren”, an dieser Stelle einen ganz herzlichen Dank!
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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