Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
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Von Dr. Seltsam für antifa 5/2006
Bei dem durchsichtigen Versuch, das europäische Feuilleton auf US-amerikanischer Seite in den “Clash of Cultures” gegen die islamischen Kulturen in Stellung zu bringen, spielten drei Vorgänge eine gewisse Rolle: Die Anti-Israel-Tiraden der Iranischen Regierung, Proteste gegen dänische Propheten-Karikaturen und die geradezu lustvolle massenhafte Rezeption des Actionfilms “Tal der Wölfe” durch türkische Mädchen und Jungen, die hinterher in die Kameras der Nachrichtensender strahlten: “Endlich kann ich wieder stolz sein auf die Türkei …”.
Der hübsche schmale Schauspieler Sasmaz Necati ist laut Hürryiet der beliebteste Sexplayboy und als Geheimagent Polat Held der erfolgreichen Krimiserie Kurtlar Vadisi in der Türkei, wo er “qausi im Alleingang die Mafia ausrottete”. So sagt es der brutale CIA-Agent Sam im Film, eine nette Selbstreferentialität. Wieder Film: Sein Bruder schützt in einer türkischen Einheit im Nordirak kurdische Dörfer vor Sadams Truppen, beim Einmarsch der Amerikaner werden sie liquidiert, offenbar ein wirkliches Vorkommnis, das bei uns im täglichen Datenrausch untergegangen ist. Polat will sie rächen, während der Auseinandersetzungen gehen massenweise Dörfer, Autos, Kinder zu Bruch und am Ende erlegt Polat den Amerikaner Sam in einem malerischen showdown bei Sonnenaufgang.
Der wirkliche Titel, selbst da log die Kritik: Kurtlar Vadisi Irak, zu deutsch: Die Krimiserie “Tal der Wölfe” im Irak, eine Nuance nur, aber verräterisch. Die Postproduktion, also die Fertigstellung des Films fand übrigens in den Studios Babelsberg statt, mit deutschen Fördergeldern. Soviel zum Thema türkischer Hetzfim!
Ich sah eine der letzten Vorstellungen in dem wunderschön renovierten Alhambra-Kino im Wedding, außer mir saßen noch vier Personen im Saal. Schade, ich hatte so auf Ausbrüche im Publikum gehofft, um meinem Bericht Farbe zu geben. Der Boom ist vorbei, sagte mir der Vorführer, mit diesem Film hätten sie drei Monate lang volles Haus gehabt und “noch nie soviel verdient”.
Während der Laufzeit der “Wölfe” fanden in Berlin sowohl das 56. Internationale Filmfest statt als auch die offiziöse 4. Türkische Filmwoche im Babylon, zu beiden waren die “Wölfe” nicht geladen, wohl aber gab es gleich mehrere Diskussionsrunden zu seiner Abwehr, wo, ich vermute mal: Leute die den Film gar nicht gesehen hatten, über “Gewalt” und “Dialog” lamentierten.
Auch ich argwöhnte, von vielen Kritiken negativ vorbereitet fast ängstlich, ob ich überhaupt wieder heil aus dem Kino rauskommen würde. Offenbar war ich Opfer einer undurchsichtigen Manipulation geworden, der Film ist streckenweise sogar schön und von humanistischem Friedenspathos geprägt. Selbstmordattentäter und Hinrichtungen englischer Journalisten werden ehrlich verurteilt und die aufgeblasenen Anabolika-Unfälle aus türkischen Muckibuden, die in den Berliner Slums so einschüchternd herumwatscheln, sind hier keine Vorbilder sondern unattraktive Schießbudenfiguren, widerliche US-Killer, die vom türkischen “Helden” mit jeweils einem beiläufigen Pistolenschuß erledigt werden. Alleine dafür verdient der Film den Nobelpreis für guten Geschmack.
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heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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