Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Heines Kommunismus war der von Babeuf und seiner “Verschwörung der Gleichen”, ein idealer Traum aus intellektueller Konsequenz: “Kann ich der Prämisse nicht widersprechen, `daß alle Menschen das Recht haben zu essen´,so muß ich mich auch allen Folgerungen fügen.” (Lutetia) Als lebenslang gutgesponsorter Bankiersneffe und Empfänger erheblicher französischer Subsidien brauchte er den praktischen Beweis seiner Solidarität mit dem Proletariat nie anzutreten, ja, er hatte sogar persönlich Angst vor der unausbleiblichen Revolution, weil dann das “Manifest der Gleichen” gälte: “Mögen, wenn es sein muß, alle Künste untergehen, wenn uns nur die wirkliche Gleichheit bleibt!” (Babeuf). Aber Heine war bereit, daß die Blätter mit seinen edlen Gedichten darauf nach der Revolution zum Erbsenabwiegen benutzt würden, wenn denn nur jeder genügend Erbsen erhielte, auch Zuckererbsen.
Das ist das wahre Heine’sche Vermächtnis: Der Klassenverrat des bürgerlichen Intellektuellen wird ihm nicht zum persönlichen Vorteil gereichen, wohl aber zur allgemeinen Befreiung mithelfen. Heine fühlt eine “geheime Angst des Künstlers und des Gelehrten, die wir unsre ganze moderne Zivilisation, die mühselige Errungenschaft so vieler Jahrhunderte, die Frucht der edelsten Arbeiten unsrer Vorgänger, durch den Sieg des Kommunismus bedroht sehen.” (Geständnisse) Heinrich Heine ist einverstanden. Acht Jahre lang Gefangener der Matrazengruft und dennoch kein Zaudern und kein Jammern, sobald es gegen die Reaktion geht. Welch ein Held!
Dann kamen die deutschen “Doktoren” Marx und Engels und erfanden die Politik der Klassenbündnisse und den Begriff des “historischen Erbes”, das Kommunistische Manifest empfahl die Fortsetzung der bürgerlichen Revolution, nicht ihre Rücknahme. Daher Heines Hochachtung für sie. Der linke Intellektuelle darf nun, dank Marx, ohne Furcht vor kulturloser Gleichmacherei das politisch-ökonomische Bündnis mit der Bourgeoisie, von der er vorerst noch lebt, aufkündigen und sich bedenkenlos mit den revolutionären Klassen in eine gemeinsame Kampffront begeben. Der genaue Zeitpunkt dieser unter Künstlern heute wieder umkämpften Entscheidung läßt sich bei Heine philologisch genau feststellen. Noch 1854 am Ende des in der DDR oft und falsch zitierten berühmten Satzes aus “De L´Allemagne” findet sich jenes bedeutungsschwere “je le crains / ich fürchte es”. Erst in der letzten Auflage 1855 fehlt es: Heinrich Heine starb getröstet! Hier nun die ganze Wahrheit:
“Die mehr oder weniger geheimen Führer der deutschen Kommunisten sind große Logiker, deren stärkste aus der Hegelschen Schule hervorgegangen sind, und sie sind ohne Zweifel die fähigsten Köpfe, die energischsten Charaktere Deutschlands, Diese Doktoren der Revolution und ihre mitleidslos entschlossenen Schüler sind die einzigen Männer in Deutschland, die Leben in sich haben, und ihnen, fürchte ich, gehört die Zukunft.”
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heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
nothnagel
5. Oktober 2008 um 9:54 Uhr
Lieber Wolfgang,
so war das schon in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, als ich versehentlich Germanistik studierte: Jeder hämmert sich seinen Heine zurecht: Der akademische Rat, bei dem ich ein Heine-Seminar besuchte, gab uns zu verstehen, das ganze linke Zeug sei bei Heine nur eine Art Abirrung, eine typische Spinnerei eines haltlosen Kreativen gewesen; einzelne Seminarteilnehmer aber, die den K-Gruppen anhingen, wollten uns weismachen, Heine sei ein strammer Kommunist (womöglich gar ein Maoist!) gewesen, habe das aber selbst manchmal nicht genau gewußt.
Die Wahrheit ist bei Heine nicht so einfach, wie sie sich die Anbieter von Erlösungsweisheiten gern machen wollen und auch nicht so angenehm, wie die dümmsten Verteidiger der bürgerlichen Ordnung es gern hätten. Ein Teil von Heine hat den Kommunismus glühend herbeigesehnt, die Gründe für eine solche Sehnsucht lagen ja im “Deutschland” der Heine-Zeit auch nur allzu offen auf der Hand. Eine andere Provinz im Inneren des Dichters fürchtete den Kommunismus mit ebenso großer Intensität. Da sieht man die prophetischen Qualitäten des Harry Heine: Denn dass der Kommunismus nur eine andere Art des Grauens ist, das wissen wir ja heute leider sehr genau. Und das stellt Biermann doch sehr richtig dar.
Allerdings müssen wir froh sein, dass Biermann Heine nicht zur Rechtfertigung des Irak-Krieges benutzt. Keine Frage, dass Biermann, fast immer, wenn er sein eitles Mundwerk anwirft, erbärmlichen, wichtigtuerischen Unsinn absondert. In diesem Fall, finde ich, tut er es nicht. Wer heute noch über Kommunismus reden will (und das ist ja keineswegs überflüssig), der muss auf jeden Fall, um ernstgenommen zu werden, die gigantischen Verbrechen des realexistierthabenden Kommunismus mit erwähnen, um glaubwürdig zu bleiben und um ernstgenommen zu werden.
Soweit meine bescheidene Meinung.
Mit den besten Grüßen,
Klaus Nothnagel