Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
“Das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert, - und damit zum Verluste des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen, - bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren, mit sich führt.” ( §244 Grundlinien der Philosophie des Rechts von G. W. F. Hegel 1821 )
Dies ist ein Zitat aus den berühmten Paragraphen 188 ff und 230 ff, in denen der Begriff der “bürgerlichen Gesellschaft” schon so entwickelt wird, wie man es später den Marxisten zuschreiben wird, um ihre grundsätzliche Kritik als extremistische Position unwirksam zu machen., so etwa im § 189/193: “Die bürgerliche Gesellschaft enthält…die Vermittelung des Bedürfnisses und die Befriedigung des einzelnen durch seine Arbeit und durch die Arbeit Befriedigung der Bedürfnisse aller übrigen…,enthält unmittelbar die Forderung der Gleichheit mit den anderen hierin.” Die “Grundlinien” sind eine Vorlesungsmitschrift und erscheinen deswegen oft so “dunkel” und sprunghaft, weil die Herausgeber natürlich noch nicht stenografieren konnten. Sie erschienen 1821 und geben mithin genau die Seminare wieder, die Heine bei Hegel belegt haben dürfte.
Durchdacht hat Hegel erstmals das alles übrigens in seinem Sommerhaus am Südabhang des damals wüsten Kreuzberges bei Berlin, etwa dort, wo sich bis vor kurzem das Gelände der Schultheiss-Brauerei befand. Dort besaß Hegel ein Sommerhaus, und dort starb er auch 1831 an der Cholera. Zu der Zeit ging Marx noch in Trier zur Schule. Man kann ermessen, wie wichtig für Marx später die Zeitzeugenschaft Heines war, denn auf den preussischen Staatsphilosophen Hegel bezog sich jeder im wissenschaftlichen Diskurs, sei es gläubig oder kritisch..
Für Hegel bestimmte bekanntlich der “Weltgeist” die Geschichte, erst “vom Kopf auf die Füße gestellt” durch die “Junghegelianer” wurde seine Dialektische Theorie nutzbar als Anleitung für revolutionäre Praxis, von Heine meisterlich in Reime gesetzt.
Obgleich Heine nicht wie Marx von der Polizei in die Emigration gezwungen war, sondern durch Schikanen und Veröffentlichungsverbote, sieht er sich zeitlebens als Sympatisant der französischen Revolutionen, seit er im Mai 1831 Wohnung in Paris nimmt und noch in die Nachwehen der Juliusrevoltion von 1830 gerät und ihrer frühkommunistischen Epigonen. Dort lernt er 1843/44 den jungen Emigranten Marx kennen und sie bestärken sich in der Adaption eines modernisierten Hegelschen Kommunismus. Heine schreibt seine härtesten Texte, etwa “Die schlesischen Weber”, 1844 auf einem gemeinsamen Flugblatt mit dem literarischen Dank an Hegel verbreitet.
Doktrin
Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.
Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.
Das ist die Hegelsche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,
Und weil ich ein guter Tambour bin.
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heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
nothnagel
5. Oktober 2008 um 9:54 Uhr
Lieber Wolfgang,
so war das schon in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, als ich versehentlich Germanistik studierte: Jeder hämmert sich seinen Heine zurecht: Der akademische Rat, bei dem ich ein Heine-Seminar besuchte, gab uns zu verstehen, das ganze linke Zeug sei bei Heine nur eine Art Abirrung, eine typische Spinnerei eines haltlosen Kreativen gewesen; einzelne Seminarteilnehmer aber, die den K-Gruppen anhingen, wollten uns weismachen, Heine sei ein strammer Kommunist (womöglich gar ein Maoist!) gewesen, habe das aber selbst manchmal nicht genau gewußt.
Die Wahrheit ist bei Heine nicht so einfach, wie sie sich die Anbieter von Erlösungsweisheiten gern machen wollen und auch nicht so angenehm, wie die dümmsten Verteidiger der bürgerlichen Ordnung es gern hätten. Ein Teil von Heine hat den Kommunismus glühend herbeigesehnt, die Gründe für eine solche Sehnsucht lagen ja im “Deutschland” der Heine-Zeit auch nur allzu offen auf der Hand. Eine andere Provinz im Inneren des Dichters fürchtete den Kommunismus mit ebenso großer Intensität. Da sieht man die prophetischen Qualitäten des Harry Heine: Denn dass der Kommunismus nur eine andere Art des Grauens ist, das wissen wir ja heute leider sehr genau. Und das stellt Biermann doch sehr richtig dar.
Allerdings müssen wir froh sein, dass Biermann Heine nicht zur Rechtfertigung des Irak-Krieges benutzt. Keine Frage, dass Biermann, fast immer, wenn er sein eitles Mundwerk anwirft, erbärmlichen, wichtigtuerischen Unsinn absondert. In diesem Fall, finde ich, tut er es nicht. Wer heute noch über Kommunismus reden will (und das ist ja keineswegs überflüssig), der muss auf jeden Fall, um ernstgenommen zu werden, die gigantischen Verbrechen des realexistierthabenden Kommunismus mit erwähnen, um glaubwürdig zu bleiben und um ernstgenommen zu werden.
Soweit meine bescheidene Meinung.
Mit den besten Grüßen,
Klaus Nothnagel