Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Das ist dümmlich, zynisch, anbiederisch; man muß sich unter kulturnahen Menschen mit Erinnerungsvermögen heute schon entschuldigen, Biermann zu zitieren, noch dazu im Kontext mit Heine, aber das war es wohl, was der nationalistische Konvertit mit seiner ödipalen Anpisserei erreichen wollte. Heinrich Heine kannte seine Biermanns und hat sie schon vorsorglich und rechtzeitig abgewatscht:
“Aus Haß gegen die Parteigänger des (teutonischen) Nationalismus könnte ich fast den Kommunisten meine Liebe zuwenden, wenigstens sind sie keine Heuchler.” So lautet eines der dialektisch formulierten Distichen aus Heines “Lutetia”. In diesem Buch, worin er dem deutschen Publikum das revoltierende Frankreich erklärte, unternahm er den weitesten intellektuellen Vormarsch gegen die herrschende Front aus feudaler Reaktion und feigem Kleinbürgertum. Es geht damals wie heute um “Klassenverrat”, die zentrale Kategorie fortschrittlicher Kunst im Kapitalismus. Die Künstler wollen essen, die Bourgeoisie bezahlt - so einfach ist unter normalen Umständen das Verhältnis.
Aber seit Gramscis Gefängnisschriften wissen die Linken genauer, dass es auch zu Zeiten großer revolutionärer Schwäche möglich ist, auf dem Gebiet der Kultur linke Siege und sogar eine linke Hegemonie im öffentlichen Diskurs zu erringen, falls nur die Mehrheit der Intellektuellen “vorzeitig” auf die Seite der Revolution übergeht: Weil nämlich die Kunst ihre Zahlherrn nicht mag und frei sein will, befreit von Armut, Zensur und der bürgerlichen Zumutung der Verwertbarkeit. Lügende Künstler sind ein Widerspruch in sich, von Ausnahmen wie Biermann und dem ganzen Dreck im Fernsehen mal abgesehen.
Heine hat auch zu seiner Zeit solche “Künstler” gekannt, miese Anpasser, die um kleinen Vorteils willen sämtliche intellektuellen Klasseninteressen verraten, Wahrheit, Qualität, Integrität, als hätte er sie prophetisch vorausgesehen. Der Grund ist, dass wir immer noch in derselben Gesellschaftsstruktur leben und deswegen auch die Gesetze von Überleben und Verrat dieselben sind. Die individuelle Lösung kann ein ehrlicher Künstler, das ist das Thema von “Lutetia”, nur im Bündnis mit den Armen suchen, wenn und soweit sie revolutionär sind. Und obwohl Heine niemals materiell Hunger litt und sein “Übergang zum Proletariat” nur ideell stattfand, war er in Werk und Haltung stets der “Alte Fuchs”, der die Bewunderung der nachfolgenden jungen Revoltionäre lächelnd ertrug.
Was die Autoren der ideologischen Spurensuche zur Verwandschaft von Marx und Heine oft vergessen, ist die Generationendistanz: Heine war “der Alte”; je nachdem welches seiner phantasievoll erfundenen Geburtsdaten gerade galt, zählte er um zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre mehr als die jungen “Doktoren der Revolution” Karl Marx und Arnold Ruge, mit denen er in der Pariser Emigration an den “Deutsch-französischen Jahrbüchern” arbeitete. Im Unterschied zu ihnen hatte Heine noch bei Hegel persönlich studiert, die nachfolgenden “Linkshegelianer” kannten Hegel nur vom Hörensagen oder aus unzuverlässigen Vorlesungsmitschriften. Er hatte an der Berliner Universität, wie Bilder zeigen,wirklich “zu Füßen” von Gottvater Hegel gesessen, aus dessen Vorlesungen gelernt, was heutzutage Peter Hartz und Müntefehring in den Ohren gellt und was mithin schon lange vor Marx verbreitete Einsicht war:
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heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
nothnagel
5. Oktober 2008 um 9:54 Uhr
Lieber Wolfgang,
so war das schon in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, als ich versehentlich Germanistik studierte: Jeder hämmert sich seinen Heine zurecht: Der akademische Rat, bei dem ich ein Heine-Seminar besuchte, gab uns zu verstehen, das ganze linke Zeug sei bei Heine nur eine Art Abirrung, eine typische Spinnerei eines haltlosen Kreativen gewesen; einzelne Seminarteilnehmer aber, die den K-Gruppen anhingen, wollten uns weismachen, Heine sei ein strammer Kommunist (womöglich gar ein Maoist!) gewesen, habe das aber selbst manchmal nicht genau gewußt.
Die Wahrheit ist bei Heine nicht so einfach, wie sie sich die Anbieter von Erlösungsweisheiten gern machen wollen und auch nicht so angenehm, wie die dümmsten Verteidiger der bürgerlichen Ordnung es gern hätten. Ein Teil von Heine hat den Kommunismus glühend herbeigesehnt, die Gründe für eine solche Sehnsucht lagen ja im “Deutschland” der Heine-Zeit auch nur allzu offen auf der Hand. Eine andere Provinz im Inneren des Dichters fürchtete den Kommunismus mit ebenso großer Intensität. Da sieht man die prophetischen Qualitäten des Harry Heine: Denn dass der Kommunismus nur eine andere Art des Grauens ist, das wissen wir ja heute leider sehr genau. Und das stellt Biermann doch sehr richtig dar.
Allerdings müssen wir froh sein, dass Biermann Heine nicht zur Rechtfertigung des Irak-Krieges benutzt. Keine Frage, dass Biermann, fast immer, wenn er sein eitles Mundwerk anwirft, erbärmlichen, wichtigtuerischen Unsinn absondert. In diesem Fall, finde ich, tut er es nicht. Wer heute noch über Kommunismus reden will (und das ist ja keineswegs überflüssig), der muss auf jeden Fall, um ernstgenommen zu werden, die gigantischen Verbrechen des realexistierthabenden Kommunismus mit erwähnen, um glaubwürdig zu bleiben und um ernstgenommen zu werden.
Soweit meine bescheidene Meinung.
Mit den besten Grüßen,
Klaus Nothnagel