Zum Ende des Heine-Jahres

Junge Welt 30. Juli 2006

Wir hatten im Jahre 2006 erstaunlich viele Jubiläen, in deren unterschiedlicher Behandlung das bürgerliche Feuilleton mal wieder beweisen konnte, auf welcher Seite es steht. Statt des mit der Revolution spielenden Mozarts, der einst den verfolgten Beaumarchais-Figaro propagierte, wurde uns der am Tourette-Syndrom erkrankte Furz-Liebhaber als kotzsüße Mozartkugel eingebrandauert. Der ungetreue Doktor Benn wurde wieder mal gegen Brecht und wiedermal gegen die gesamte Emigration in Stellung gebracht, während das in einzigartiger Schändlichkeit dastehende KPD-Verbot gleich ganz vergessen wurde. Schreckliches Freud-Jahr 2006, das soviel Verdrängung bot bei sowenig Analytik.

Am schlimmsten aber erging es Heinrich Heine. Man dachte, nach der Barbaren-Posse der Nazis, die die “Loreley” anonym im Lesebuch behalten, den Judendichter aber vergasen wollten - leider war er schon tot - und nach der bundesdeutschen Blamage um die Benennung der Heine-Uni in Düsseldorf wäre der wohl größte deutsche Dichter endlich auch in seiner Heimat anerkannt und es könne schlimmer nicht kommen. Weit gefehlt; jetzt ist der arme Harry auch noch am Stalinismus Schuld! Erfunden hat diese nur freudianisch zu erkärende Ferkelei ein Schreiber, der von Heine alles kopiert hat außer Charakter: Wolf Biermann. Im Spiegel 7/06 schrieb er über “Heine und Le Communisme” und offenbar versteht er von beidem nichts:

“Hellsichtig ahnte er (Heine), daß die soziale Gleichheit aller Menschen wahrscheinlich nur eine neue Form raffinierterer Ungleichheit gebären würde, … ein noch schlimmerer Kreis in der irdischen Hölle … In “Lutetia” klagte er: “Eine unsägliche Betrübnis ergreift mich, wenn ich an den Untergang denke, womit meine Gedichte und die ganze alte Weltordnung von dem Kommunismus bedroht ist.” Aber dann kommt die flagellantische Volte, für die ihn die stalinistischen Bonzen liebten: “Gesegnet sei der Kräuterkrämer, der einst aus meinen Gedichten Tüten verfertigt, worin er Kaffee und Schnupftabak schüttet für die armen alten Mütterchen, die in unserer heutigen Welt der Ungerechtigkeit vielleicht eine solche Labung entbehren mussten – fiat iustitia, pereat mundus!” …

Aber: Es kam alles viel schlimmer, und es mußte so kommen. Die arme alte Frau und ihre Kinder wurden einfach totgeschlagen. Im real existierenden Kommunismus brauchte kein Untertan mehr Gewürze, denn es gab hinter Stacheldraht für Millionen gar kein Huhn im Topf, das gewürzt werden müsste. Die Häftlinge in den Arbeitslagern tranken keinen Kaffee…und manche schlachteten im Wahnsinn des Hungers heimlich ihre krepierten Leidensgefährten, zum Fraß. Ideologisch verblendet … Brecht, Bloch, Gerhart und Hanns Eisler, Feuchtwanger, Heinrich Mann, denen es gelungen war, sich vor den Genossen Hitler und Stalin in Sicherheit zu bringen … Mir träumte, Heine sei ein Häftling auf der Insel Kuba … in einem grausam verdreckten Knast des Castro-Regimes, Abteilung “Staatsfeindliche Poeten” … Ich sagte: “Lieber, verehrter Monsieur Heine, Sie sind doch der Verfasser der Verse … , hoffen Sie immer noch auf einen Kommunismus mit Zuckererbsen für jedermann” ?