Filmkritik Antifa Juni 2006

Stasi in der Produktion

Dr. Seltsam hat sich den Film “Das Leben der Anderen” angesehen.

Eigentlich wollte ich vermeiden, diesen Film zu sehen, man muß schließlich nicht auf jeder Sau reiten, die durchs Dorf getrieben wird, und dass dieser Streifen als Beitrag zur grassierenden Kampagne gegen die “Stasi-Foltergenerale” (BZ) gedacht war, konnte man schon daran ermessen, daß so kulturferne Blätter wie BILD und TAZ ihn gleichermaßen lobten. Bei jeder Szene fühlte ich mich zu der Einsicht gedrängt: Na siehst du, waren doch alles opportunistische böse Schergen da drüben, ist doch gut, daß die DDR weg ist! Bei anderen Zuschauern im Kudammnahen Delphi-Kino kam die Botschaft gut an und es gab erleichterten Schlussapplaus: Der Fall der Mauer hat die Schergen auch erlöst. Halleluja. Wir sind Deutschland.

Der Plot hat Schmierenkomödien-Qualität: Ein DDR-Kulturminister ist scharf auf eine tablettenabhängige Staatsschauspielerin, tätschelt ihr bei der Premierenfeier in der Theaterkantine den Po und vergewaltigt sie später in der verlängerten Volvo-Staatskarosse (übrigens vor den Augen des Chauffeurs). Damit sie sich ihm nicht länger verweigert, beauftragt er heimlich einen Offizier des MfS, Beweise gegen ihren gutaussehenden Freund zu sammeln, einen hochdekorierten Nationalpreisträger-Stückeschreiber. Aber man solle sich nicht erwischen lassen, denn der Autor habe “Freunde im ZK”. (Man sieht, in der DDR-Spitze ging es zu wie beim Karnickelzüchterverein).

Es folgt der ganze “Operative Vorgang”: Einbrechen, Abhören, Durchsuchen, Verhören, Erpressen und so weiter. Und dabei passiert nun eine Panne nach der anderen: Die Nachbarn schauen zu beim Geheimeinsatz in der Dichterwohnung, die Abhörer schlafen ein und fälschen Protokolle, der hartgesottene Einsatzleiter verliebt sich in die abgehörten Künstler und weint bei Brecht-Gedichten; aber das Schlimmste: Der Autor will partout die DDR nicht verraten! So’n Pech auch.

Dann wird der Film streckenweise realistisch: Ein SPIEGEL-Korrespondent spielt Geheimagent, ködert den Autor mit Westruhm und Champagner und leitet ihn an, eine Horrorstory über DDR-Selbstmörder konspirativ zu erstellen. Als die im SPIEGEL anonym erscheint, hört man Minister Mielke im O-Ton durchs Telefon gegen seinen Oberstleutnant toben: “Findet den Kerl oder ich stelle euch alle an die Wand!” Es ist schon makaber: Während seine Auflage im Westen sank und sank, beherrschte der Spiegel in der DDR die Diskurse. Dort nahm man das geschriebene Wort noch ernst, während wir Westler längst “weiter” waren und eine jede Veröffentlichung ganz postmodern lediglich als korrupte PR-Intrige verstanden. Sämtliche SPIEGEL-Hefte mit DDR-Themen auf dem Titel hatten gewaltige Verkaufseinbußen zur Folge, der Kalte Krieg war ein “nasser Hund” bis zur Wende (Hallo Redaktion: wenn euch dieser schöne Ausdruck zu banal ist, geht auch: ein totes Thema), die Erhaltung des Weltfriedens war uns wichtiger. Den Antikommunismus wieder auf die Tagesordnung zu setzen, ist erst der DDR-“Opposition” in ihrer naiven Provinzialität gelungen.