Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Filmfest 2006. Kleiner Ausblick.
Im Jahre 1968 endete die Berlinale mit einem Eklat: Michael Verhoeven, der sanfte Ehemann der sanften Senta Berger hatte in dem Film “OK” im Bayerischen Wald die Vergewaltigung eines Vietnamesenmädchens durch viehische US-amerikanische GIs nachgestellt und mit diesem “Antiamerikanismus” den Abbruch der Filmfestspiele provoziert. Danach erlebten wir in der westdeutschen Gesellschaft einen Ruck nach links, Barrikaden, Streiks und rote List und 1975 endlich die Niederlage der USA in Vietnam, eine ganze Protestgeneration war der herrschenden Klasse verloren gegangen und es bedurfte einer ganzen Batterie von Lügenkanonen vom Privatfernsehen bis zur Grünen Partei, um sie wieder für den Imperialismus einzufangen. Der Film “OK” konnte nichts dafür, war kein Auslöser und keine Ursache, sondern ein zufälliges Symbol. Eine ganz ähnliche Vorahnung hatte ich bei diesem Filmfest.
“Syriana” mit George Clooney war der grandiose Versuch, den Ölimperialismus und seine Verflechtung mit dem US-Staatsapparat gegen alle Hollywoodregeln ohne Held und happy end und in einer realistischen Erzählstruktur darzustellen, die die versammelte Kinojournaille glatt überforderte. Auf Radio eins zum Beispiel wurde er als “Episodenfilm” vorgestellt, nicht ist falscher. Die neuen Filme brauchen auch neue Kritiker. “The Road To Guantanamo” erhielt sogar den Regie-Preis, dennoch jaulte die mittlerweile rechtsextreme Kritikerelite von ZEIT bis TAZ auf, und anstelle der folternden US-Soldaten wurde der Film verurteilt - wegen “Agitation”! “Bye Bye Berlusconi” fand kaum Beachtung, dabei mischt er sich so affrontativ wie irgend möglich in den Wahlkampf ein, ich garantiere, dass man über diesen Film noch einiges aus Italien hören wird, er ist sensationell mutig und in seiner Wirkungsmächtigkeit mit “Paradise Now” vergleichbar, dem Selbsmordattentäterfilm von der letzten Berlinale, der in Berlin ebenfalls nicht verstanden wurde, und jetzt bekommt er sogar einen Oscar. Und es gibt noch eine Handvoll Beispiele.
Ich meine nicht, dass dies ein linkes Filmfest war, aber man sollte dankbar anerkennen, dass Kosslik wirklich einige brauchbare politische Werke vorgeführt hat, und, falls die Analogie zu 1968 stimmt. stehen wir erneut vor großem gesellschaftlichen Aufruhr. “Zuerst weht der Wind nur in großen Höhen.” (Mao)
Dr. Seltsam empfiehlt stattdessen:
EDELWEISSPIRATEN
Kinotipp für Junge Welt, 10.11.2005 von Dr. Seltsam
Gestern am 10. November hatte bundesweit der Film “Edelweißpiraten” Premiere, das Datum wurde gewählt zur Erinnerung an die schreckliche Hinrichtung von dreizehn jungen Menschen am 10.11.1944 in Köln Ehrenfeld. Ohne Prozeß und Gerichtsurteil hängte die SS ihre zuvor gefolterten Gefangenen öffentlich in einer Reihe an einem roh gezimmerten Galgengerüst auf, zur Abschreckung, wie es hieß. Dies ist die erschütternde historische Schlußszene des besten deutschen Antifa-Filmes, den wir je gesehen haben. Kein Trost bleibt dem Zuschauer, außer der hinreißenden Erzählstimme eines alten Überlebenden und der Tatsache, das einer der Folterer später in der BRD tatsächlich neun Jahre Knast bekommen hat. Es bleibt die Einsicht: Der Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen, und im Kampf dagegen geht es auf Leben und Tod, damals wie heute.
Dieser Film hat zuwenig Preise bekommen und zuwenig Aufmerksamkeit. Schon zur ersten Aufführung bei der Berlinale im Frühjahr hieß es: “..ein spritziger Jugendfilm von Niko von Glasow, der viel eher die Lorbeeren der “Sophie Scholl” verdient hätte.” (Antifa 4/05). Mit Widerstands-Filmen ist es ja nicht einfach, weil die Geldgeber meist ihre besondere Wirklichkeitssicht damit propagieren. In der frühen BRD gab es den “20.Juli”-Film und die sehr uninteressante Frage, ob Nazi-Offiziere ihr Ehrenwort gegenüber Hitler brechen dürfen, in “Des Teufeld General” nach Zuckmayer erlebten wir mit Curd Jürgends einen typisch Deutschen Helden, der nicht gegen die Verbrecher - Regierung aufmuckt, sondern sich lieber selbst umbringt. Auch bei “Sophie Scholl” regiert immer noch die doitsche Innerlichkeit, sie geht am Ende mutig zum Galgen, obwohl sie eigentlich gar nichts gemacht hat außer ein paar Flugis zu verteilen, grauenhafter Kitsch. Der DDR-Film “KFK an PTX” ist eine ideologische Denunziation der u.a. hunderte Arbeiter umfassenden Widerstandsbewegung Rote Kapelle als “bürgerlich”; schließlich die Hollywood-Produtionen “Furtwängler” und “Schindlers Liste” bleiben wieder im “Gewissensentscheid” des Individuums stecken, - und das Individuum kann sich halt so oder so entscheiden; auf diese Weise wird der Künstler eben Nazifreund und der Lebemann Nazigegener. Wie erfrischend dagegen dieser Film, in dem die Frage, ob man Widerstand leisten will, gar kein Gegenstand langer Gewissenserforschung ist sondern als einfache logische Konsequenz der proletarischen Lebensumstände erscheint.
Die Edelweißpiraten waren wie die Swingjugend inHamburg, wie die Baum-Gruppe in Berlin, wie der Sportverein Makkabi, der noch Mitte der Dreißiger Jahre Hitlerjungen in die Spree jagte, (Coco Schumann erzählt das) und wie die vielen Proleten aus Kreuzberg und Neukölln, die unter dem Schutz oppositioneller Offiziere Plakate verklebten, allesamt ganz selbstverständlich der Meinung: Gegen die Nazis muß man bewaffnet vorgehen, eine Ansicht, die heute zunehmend verloren gegangen ist. Und dass in diesem Film auch Kindern dieser Weg gezeigt wird, ist besonders mutig., ein halbes Jahr später würde dieser Film unter Otto Schilys geplantes “Gesetz gegen die Lobpreisung von Terrortaten” fallen. Hier werden die filmischen Mittel so neu und so mitreißend eingesetzt, daß sich jeder Junge in die aktive Antifaschistin Cilly Thalbach und jedes Mädchen in die Ripke-Brüder und sogar in Bela B. von den Ärzten verlieben wird, der als alter KZler “Bomber-Hans” die listigen Traditionen des Arbeiterwiderstands verkörpert. Ein Aufatmen geht durch das ganze Kino, als endlich der Nazichef abgeknallt wird. “Sinnlose Gewalt” werden die Pädagogen schreien, aber wie schön, wie befreiend wirkt das für den Moment. Keine Frage: Dieser Film ist ein blendendes Plädoyer für “Gewalt gegen Nazis” und das ist gut so!
Man hätte sich gewünscht, daß die Premiere dieses Films mit einem glamourösen Gala-Aufmarsch der linken und antifaschistischen Prominenz gefeiert worden wäre, wir haben so selten Gelegenheit, der bourgeoisen Dreckskultur Widerstand zu zeigen und auch im Zustand der Bewegungs-Ebbe soll man laut Gramsci den Kampf um die kulturelle Hegemonie nicht vernachlässigen Aber der Film läuft in Berlin sang-und klanglos in nur zwei Kopien, weder VVN noch Linkspartei haben seine Bedeutung erkannt, der Verleih glaubt offenbar auch nicht an den Erfolg, oder hat kein Geld, oder Angst vor der eigenen Courage, wer weiß. Das renovierte wunderschöne Kino Babylon bemüht sich nach Kräften, zu dem Film Schülergruppen einzuladen, Antifa-Projekttage und Diskussionen zu initiieren, etwa am 15.11. haben sie den Regisseur und den 75jährigen Jean Jülich aus Köln zu Gast, der für den Bomber-Hans Pate stand. Bei Nina Hof vom Babylon kann man Filmplakate bekommen, die jede Antfagruppe neben ihre eigenen Plakate kleben sollte, es gibt sogar kleine silberne Edelweiß-Anstecker, die hoffentlich demnächst neben schwarzroten Sternen unsere Kutten schmücken werden. Bestürmt eure Lehrer,es gibt gutes Lehrmaterial zu dem Film, stürmt in Riesengruppen das Kino, es gibt erhebliche Antifa-Ermäßigung! Tun wir alles, damit dieser Film ein Longseller und ein überraschender kultureller Erfolg wird, denn Antifa heißt Angriff und dieser Film greift an!
Dr. Seltsam Für Babylon-Kino und Junge Welt.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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