Artikel für diverse Szeneblätter im Dezember 2005

Von Dr. Seltsam

Erst mit größerer Lebenserfahrung lernt man, daß sich wirkliche Probleme nicht Hauruck und kraftvoll lösen lassen, sondern daß Lösungen heranreifen müssen und sich dann plötzlich wie von selbst ergeben. So war es auch beim Ende von Dr. Seltsams Frühschoppen und dem Anfang von Dr. Seltsams Wochenschau im November 2004. Mir war schon lange klar, daß es mit dem “lustigen” Frühschoppen in jeder Hinsicht bergab ging, aber erst als uns auch die Kalkscheune bedeutete, sie wollten für so ein flaches Lachprogramm nicht mehr ihre heilige Sonntagsruhe opfern und als gleichzeitig das Kreuzberger Max & Moritz Raum anbot, war für mich der Augenblick der Trennung gekommen.

Seit Jahren litt ich mit Magenschmerzen an der unbefriedigenden Situation, die im Hinterzimmer von Dr. Seltsams Frühschoppen herrschte.Die Texte der Kollegen erschienen mir immer einfallsloser und nach billigen Maschen gestrickt, flach, unpolitisch, und meine Kommentare wurden immer spitzer, radikaler und verbissener.Die politische Lage änderte sich, es gab neue Arme und neue Kriege, aber auf den Lesebühnen immer weiter Alltagsprobleme “Wie die Fliegen auf einem Haufen Scheiße” (Ahne). Eines Sonntags im letzten Sommer wurde ich von meinen Kollegen empfangen mit den Worten: “Wir haben einstimmig beschlossen” – einstimmig d.h. meine Stimme wurde schon gar nicht mehr erfragt!- “daß du die Wörter Josef Fischer, Kriegsverbrecher, Jugoslawien, Uranmunition und Auschwitz nicht mehr auf der Bühne sagen darfst. Im übrigen bist du nicht komisch!”

Nun, das war ein altes Problem, unter dem ich manchmal leide: Mein eigenartiger schwarzer Humor. Leute die nicht in dem Bewußtsein von Auschwitz, Dritte-Welt-Elend und durch unsere Schuld getöteter Afghanen und Abughreib- Gefolterter leben, können oft gar nicht verstehen, warum ich mich darüber schieflachen kann, wenn der mit US-Kapital gemästete Bin Laden ausgerechnet den USA mit Terror droht. Ein gewisses Grauen über die höhnische Dummheit der Herrschenden gehört schon dazu, quasi als Generalbaß, wenn man meine Art von Witz verstehen will. Wer in dieser Welt alles in Ordnung findet, ist in meiner Show allerdings fehl am Platz. Aber lachen wollen die Menschen nun mal und das ist auch gut so.

Ideologisch läßt uns der Humor auch in ausweglosen, bedrückten Situationen souveräne Gefühle, was Depressionen verhindert oder wenigstens aufschieben und mildern mag. Auch der körperliche Heilaspekt ist nicht zu verachten. “Eine Minute Lachen ersetzt 30 Minuten Entspannungstraining oder 10 Minuten Joggen” sagt der englische Neurologe William Fry, verspannte Muskeln lockern sich, Stresshormone werden abgebaut. - Aber wenn man dann Zeitung liest, sind sie schnell wieder da. Hilfreicher finde ich die gründliche Änderung der stressenden Verhältnisse selber.