Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Verschärft werden diese Zahlen noch durch einige Besonderheiten der US-Wirtschaft. Erstens: Die US-Bürger sparen nicht!. Autos kaufen sie mit Bankkrediten und Nahrung vermittels Kreditkarten. Dadurch haben die US-Bürger im Jahre 2004 Konsumentenkredite in Höhe von 102% ihres BIP konsumiert, das sind 2 % mehr als die gesamte US-amerikanische Wirtschaft in dem Jahr produziert hat, das ist einmalig in der Welt. Das bedeutet, die ganze restliche Welt finanziert den USA bereits 2% ihres Alltagskonsums. Und nicht nur das, denn Zweitens: Alle Neu-Investitionen (Fabriken, Forschung, Infrastruktur) werden faktisch vom Ausland finanziert! (Auslandsverschuldung der USA in 2004: 13.000 Mrd. Dollar, d.i. 120 % des BIP.)
Bei reinen Inlandsschulden könnte die Notenbank im schlimmsten Falle die Notenpresse anwerfen und sich mit dem Mittel der Inflation vom übermäßigen Schuldendruck befreien, bei Schulden in fremder Währung geht das nicht. Das Verhältnis von Inlands- zu Auslandskrediten ist ein Maß für die Gesundheit einer Volkswirtschaft, und da die USA immer noch der größte Markt sind, übertreffen die US-Kredite jede andere Ökonomie wegen ihrer schieren Größe und der US-Kredit-Schwamm beherrscht die gesamte Weltwirtschaft. Deshalb ist die Gesamtverschuldung der USA mit 37 Billionen Dollar die höchste der Welt, (In US-Zahlen: “37 Trillionen”!) Bei einem BIP von 11 Billionen Dollars sind das 336 % Gesamtverschuldung, auch prozentual nicht ungefährlich.
Es ist jedenfalls ökonomisch kein Szenario denkbar, wie diese Schulden jemals zurückgezahlt werden könnten. Die US-Wirtschaft ist technologisch längst nicht mehr Weltspitze, man denke nur an die energiefressenden Holzhäuser, die die Vororte beherrschen, und an die benzinsaufenden Autos: Erst letzte Woche wurde General Motors, die größte Einzelfirma der Welt, von US-Rating-Agenturen für kreditunwürdig erklärt. Und es sind keine neuartigen US-Produkte in Sicht, die alle Welt kauft wie früher Transistoren und Computer. Die meisten Exportgewinne macht die US-Wirtschaft derzeit mit Ideologieprodukten aus Hollywood, die aber auch immer weniger Menschen wollen, ferner mit Flugzeugen und Waffen.
Damit sind wir beim schlimmsten Teil unsres Horrorszenarios angekommen. Denn die USA sind ökonomisch eine sinkende Weltmacht, aber sie verfügen immer noch über die stärkste Militärmacht der Welt. Sie wären nicht nur dumm, sondern dem Untergang geweiht, wenn sie die nicht einsetzen würden, um Rohstoffe und Kolonien zu rauben und konkurrierende Ökonomien zu zerstören. Möglicherweise war der letzte Anstoß zum Irak-Krieg der Entschluss Sadams, seine Öllieferungen zukünftig nicht mehr in Dollars zu berechnen, sondern in Euros. Ein weltweiter Trend “weg vom Dollar” würde die US-Ökonomie ins Herz treffen, denn sie kann aus eigener Kraft den Absturz in die Krise nicht mehr verhindern. Ein Grund für die neue deutsche Regierung, schleunigst Vorsorge zu treffen statt “Hartz V” zu planen. Und die Linke weltweit hat die Aufgabe des Kindes, das im Andersen-Märchen “Des Kaisers neue.Kleider” ruft: “Der ist ja nackt!”, nämlich an den Straßen zu stehen und den USA zuzurufen: “Ihr seid in Wahrheit längst pleite und alle wissen es!” Damit zerstören wir das Wertvollste was die USA knapp noch erhält, ihre Kreditwürdigkeit, jubelte Dr. Seltsam.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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