Kinotipp für Junge Welt, 10. November 2005

Von Dr. Seltsam

Gestern am 10. November hatte bundesweit der Film “Edelweißpiraten” Premiere, das Datum wurde gewählt zur Erinnerung an die schreckliche Hinrichtung von dreizehn jungen Menschen am 10. 11. 1944 in Köln Ehrenfeld. Ohne Prozeß und Gerichtsurteil hängte die SS ihre zuvor gefolterten Gefangenen öffentlich in einer Reihe an einem roh gezimmerten Galgengerüst auf, zur Abschreckung, wie es hieß. Dies ist die erschütternde historische Schlußszene des besten deutschen Antifa-Filmes, den wir je gesehen haben. Kein Trost bleibt dem Zuschauer, außer der hinreißenden Erzählstimme eines alten Überlebenden und der Tatsache, das einer der Folterer später in der BRD tatsächlich neun Jahre Knast bekommen hat. Es bleibt die Einsicht: Der Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen, und im Kampf dagegen geht es auf Leben und Tod, damals wie heute.

Dieser Film hat zuwenig Preise bekommen und zuwenig Aufmerksamkeit. Schon zur ersten Aufführung bei der Berlinale im Frühjahr hieß es: “… ein spritziger Jugendfilm von Niko von Glasow, der viel eher die Lorbeeren der “Sophie Scholl” verdient hätte.” (Antifa 4/05). Mit Widerstands-Filmen ist es ja nicht einfach, weil die Geldgeber meist ihre besondere Wirklichkeitssicht damit propagieren. In der frühen BRD gab es den “20.Juli”-Film und die sehr uninteressante Frage, ob Nazi-Offiziere ihr Ehrenwort gegenüber Hitler brechen dürfen, in “Des Teufeld General” nach Zuckmayer erlebten wir mit Curd Jürgens einen typisch Deutschen Helden, der nicht gegen die Verbrecher - Regierung aufmuckt, sondern sich lieber selbst umbringt. Auch bei “Sophie Scholl” regiert immer noch die deutsche Innerlichkeit, sie geht am Ende mutig zum Galgen, obwohl sie eigentlich gar nichts gemacht hat außer ein paar Flugis zu verteilen, grauenhafter Kitsch.

Der DDR-Film “KFK an PTX” ist eine ideologische Denunziation der u.a. hunderte Arbeiter umfassenden Widerstandsbewegung Rote Kapelle als “bürgerlich”; schließlich die Hollywood-Produktionen “Furtwängler” und “Schindlers Liste” bleiben wieder im “Gewissensentscheid” des Individuums stecken, - und das Individuum kann sich halt so oder so entscheiden; auf diese Weise wird der Künstler eben Nazifreund und der Lebemann Nazigegener. Wie erfrischend dagegen dieser Film, in dem die Frage, ob man Widerstand leisten will, gar kein Gegenstand langer Gewissenserforschung ist sondern als einfache logische Konsequenz der proletarischen Lebensumstände erscheint.

Die Edelweißpiraten waren wie die Swingjugend inHamburg, wie die Baum-Gruppe in Berlin, wie der Sportverein Makkabi, der noch Mitte der Dreißiger Jahre Hitlerjungen in die Spree jagte, (Coco Schumann erzählt das) und wie die vielen Proleten aus Kreuzberg und Neukölln, die unter dem Schutz oppositioneller Offiziere Plakate verklebten, allesamt ganz selbstverständlich der Meinung: Gegen die Nazis muß man bewaffnet vorgehen, eine Ansicht, die heute zunehmend verloren gegangen ist. Und dass in diesem Film auch Kindern dieser Weg gezeigt wird, ist besonders mutig., ein halbes Jahr später würde dieser Film unter Otto Schilys geplantes “Gesetz gegen die Lobpreisung von Terrortaten” fallen.

Hier werden die filmischen Mittel so neu und so mitreißend eingesetzt, daß sich jeder Junge in die aktive Antifaschistin Cilly Thalbach und jedes Mädchen in die Ripke-Brüder und sogar in Bela B. von den Ärzten verlieben wird, der als alter KZler “Bomber-Hans” die listigen Traditionen des Arbeiterwiderstands verkörpert. Ein Aufatmen geht durch das ganze Kino, als endlich der Nazichef abgeknallt wird. “Sinnlose Gewalt” werden die Pädagogen schreien, aber wie schön, wie befreiend wirkt das für den Moment. Keine Frage: Dieser Film ist ein blendendes Plädoyer für “Gewalt gegen Nazis” und das ist gut so!

Man hätte sich gewünscht, daß die Premiere dieses Films mit einem glamourösen Gala-Aufmarsch der linken und antifaschistischen Prominenz gefeiert worden wäre, wir haben so selten Gelegenheit, der bourgeoisen Dreckskultur Widerstand zu zeigen und auch im Zustand der Bewegungs-Ebbe soll man laut Gramsci den Kampf um die kulturelle Hegemonie nicht vernachlässigen Aber der Film läuft in Berlin sang-und klanglos in nur zwei Kopien, weder VVN noch Linkspartei haben seine Bedeutung erkannt, der Verleih glaubt offenbar auch nicht an den Erfolg, oder hat kein Geld, oder Angst vor der eigenen Courage, wer weiß.

Das renovierte wunderschöne Kino Babylon bemüht sich nach Kräften, zu dem Film Schülergruppen einzuladen, Antifa-Projekttage und Diskussionen zu initiieren, etwa am 15.11. haben sie den Regisseur und den 75jährigen Jean Jülich aus Köln zu Gast, der für den Bomber-Hans Pate stand. Bei Nina Hof vom Babylon kann man Filmplakate bekommen, die jede Antfagruppe neben ihre eigenen Plakate kleben sollte, es gibt sogar kleine silberne Edelweiß-Anstecker, die hoffentlich demnächst neben schwarzroten Sternen unsere Kutten schmücken werden. Bestürmt eure Lehrer, es gibt gutes Lehrmaterial zu dem Film, stürmt in Riesengruppen das Kino, es gibt erhebliche Antifa-Ermäßigung! Tun wir alles, damit dieser Film ein Longseller und ein überraschender kultureller Erfolg wird, denn Antifa heißt Angriff und dieser Film greift an!