Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
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taz, 3. November 2005
die ganze wahrheit
der anfang der normalzeit
“Die letzte Seite” des taz-Berlin-Teils war eine Idee von Gerd Nowakowski und ein Vorläufer der “Wahrheit”-Seite - beschränkt auf den Lokalteil, der vor 89 nur Westberlin “bediente”. Die Letzte Seite sollte die Kür zur Pflichtberichterstattung auf den anderen Seiten sein: ihr Abbremser quasi.
Anders als “Die Wahrheit” wurden ihre Formate jedoch nicht mit Satire und Fakes gefüllt, sondern mit dem, was so alles zwischen dem Berlin-Politikteil und den Berlin-Kulturseiten durchfiel. Nowakowski nannte es “das spezielle Lebensgefühl hier”.
Wie sollte man das täglich “einfangen”? Ich war allein für die Seite verantwortlich, sechs Tage in der Woche, sodass eigentlich nur am siebten Zeit zum Ausschlafen und Recherchieren blieb. Meine Idee war, verschiedene Textsorten dabei jeweils zu einem Thema zu sammeln. Zum Beispiel “Krankenhaus”: eine allgemeine Einschätzung von einer Krankenschwester (Mariam Nirumand in diesem Fall), ein Bericht von einem Patienten, ein Foto von einem offenen Herzen (aus dem Herzzentrum), ein paar Doktorwitze und eine Rezension von zwei Büchern über die historische Entwicklung des Berliner Gesundheitswesens sowie eine kurze Kritik an der Umbenennung der AOK, die sich nicht mehr Kranken-, sondern Gesundheitskasse nannte.
Einem Diktum von Thomas Kapielski folgend, wonach immer nur Leute hierher zogen, die im Malen eine 1 und im Rechnen eine 5 hatten, wurden oft statt Fotos auch Bilder von Künstlern abgedruckt. Aus dieser Szene - grob gesagt aus Kreuzberg und Schöneberg - kamen dann auch die meisten Fans der Letzten Seite.
Die meiste Kritik kam überraschenderweise aus der Berlin-Redaktion, und zwar jeden Morgen. Zwar ging es dabei oft nur um Formalien (“eine zu kurze Überschrift”), aber dahinter steckte der Unmut von mehrheitlich AL-nahen Redakteuren gegenüber den Autonomen, die sogar eine Kolumne auf der Letzten Seite hatte, die mit “muz” unterschrieben war: “menschenverachtend und zynisch” - so lautete zumeist der AL-Vorwurf gegenüber ihre Aktivitäten im “Kiez”, die sich zu der Zeit nicht selten auch gegen die AL richteten.
Diese Situation war zuvor bereits derart ungemütlich geworden, dass die Vollversammlung der taz die Berlin-Redaktion für einige Zeit zur Besinnung in ein Ferienheim nach Westdeutschland geschickt hatte. Währenddessen sollte ich zusammen mit dem Theaterkritiker Dr. Seltsam, der EDV-Mitarbeiterin Christine Engel und anderen eine Berlin-“Ersatztaz”, machen, die natürlich auch autonomistisch ausfiel. Weil man befürchtete, ich würde dabei zu weit gehen, gab es noch eine Berlin-Redakteurin als Aufpasserin (im CvD-Rang), eine Bullentochter nebenbei bemerkt.
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heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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