Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Neubeginn November 2004 - September 2005
Interview mit Dr. Seltsam von Heinrich Hecht
Junge Welt am 6. November 2004
Frage: Dr. Seltsams Frühschoppen war angeblich die älteste Lesebühne Berlins?
Antwort: Lesebühnen wurden 1910/11 im Scheunenviertel von Leuten gegründet, die zu arm waren, eigene Kulissen zu malen, eine Tradition der ostjüdischen Emigranten. Die moderne “Mutter aller Lesebühnen” war die “Höhnende Wochenschau” , 1989 gegründet von Leuten, die aus der taz rausgeflogen waren. Wiglaf Droste, Helmut Höge, Michael Stein, ich. Als das auseinanderfiel, gründete ich “Dr. Seltsams Frühschoppen”, der bis letzten Sonntag existierte, also immerhin 14 Jahre. Meine neue Show ist jeden Sonntag um 13 Uhr im Max & Moritz zu sehen, sie heißt “Dr. Seltsams Wochenschau”. Die anderen Kollegen machen mit “Der Frühschoppen” weiter nette Alltagstexte.
Frage: Die Trennung hat Gründe?
Antwort: Einer der letzten Magenumdreher war, daß, während ich bei Anti-Hartz-Demonstrationen auftrat, angekündigt als “Dr. Seltsam von Dr. Seltsams Frühschoppen”, in der Show selber etwas passierte, eine Kollegin als Sozialhilfeempfängerin fand Hartz IV klasse, weil sie ab Januar 13 Euro mehr kriegt. Damit war ein Maß an Dummheit erreicht, mit dem ich mich nicht mehr identifizieren konnte, auch nicht auf der Lachebene. Sogar die “Titanic” schrieb im Oktober, daß wir nur noch das Niveau von Frauenzeitschriften hätten. Ich führe einen jahrelangen Streit um polemischere, staatsfeindliche, wenn man so will, linke Texte, und habe dann das Außenimage von Frauenzeitschriften!
Frage: Ich hatte schon vor 5 Jahren den Eindruck kleinbürgerlicher Nasenpopelei!
Antwort: Ich habe manchmal da gesessen und gedacht: gleich erwürge ich jemanden. Es hieß immer nur “Dr. Seltsams Frühschoppen”, war aber eine kollektive Veranstaltung, in der ich nicht viel zu bestimmen hatte.
Frage: Die anderen Kollegen schreiben in Blättern wie Taz und Zitty traurige Dinge, über denen “Satire” steht. Endet Humor immer mit Weinen?
Antwort: Bei mir findet nun mehr direkte Politik statt. Die Vermischung mit privaten Dingen interessiert mich nicht so.
Frage: Also weniger Menstruationsprobleme, aber mehr Frauenfragen?
Antwort: Weniger “Wie baue ich ein IKEA-Regal?”, sondern “Wie schindet Ikea rumänische Gefängnisinsassen?”.
Frage: Kommerziell erfolgreicher Humor ist Fernseh-Humor, also Selbstbefummelung. Funktioniert ein linksradikales Programm ausgerechnet noch in Kreuzberg, dem Hort alter, satter ehemaliger Revolutionäre?
Antwort: Das Max & Moritz ist ein Ort mit hundertjähriger Tradition. Ich gehe aber nicht dahin, weil es ein linker Ort ist, sondern weil es dort schönes Essen und gutes Bier gibt. Die intellektuelle Konstruktion am Frühschoppen war ja, daß ich meine politischen Thesen gebracht habe, mit mäßigem Beifall, und dann die Kollegen mit den richtig tollen Lachsachen ankündigte. Die Kollegen haben gesagt: Du bist nie lustig, du benutzt uns nur, kein Mensch interessiert sich für Deine linken Thesen. Die Leute wollen Humor. Nun, wir werden sehen, was das ist.
Frage: Wer wird außer Ihnen brillieren im Max & Moritz?
Antwort: Von der ganz alten “Höhnenden Wochenschau” wurden Klaus Nothnagel, Michael Stein, Horst Schwerdtfeger angefragt, vom Club Existentialiste Isabel Neuenfeldt und Ekki Busch. Ich suche mir einen musikalischen Co-Moderator. Und ich werde immer einen Interviewgast einladen, der im weitesten Sinne politisch ist. Der Untertitel ist “Lachen, Musik und Geheimnis”. Und für das Geheimnis sind diese Leute zuständig, die sich hoffentlich um Kopf und Kragen reden werden.
Frage: Also das Zentrum linker Politik ist jetzt immer Sonntags bei Dr. Seltsams Wochenschau?
Antwort: Danke sehr, dass Sie es wagen, diesen Größenwahn auszusprechen, ich bin ja äußerlich eher bescheiden…
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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