Focus online, 29. August 2005

Die Grünen verlieren ausgerechnet im Berliner Multi-Kulti-Bezirk Kreuzberg die Bindung an ihre alternative Klientel.

Von Armin Fuhrer

Christian Ströbele hat es nicht leicht an diesem Sonntagmittag. Mal lächelt er gequält, mal verzieht er das Gesicht, mal blickt er empört auf das Publikum hinunter. Der grüne Bundestagsabgeordnete ist zu Gast bei Dr. Seltsam, einer Szene-Größe in Kreuzberg, der seinen Gästen Woche für Woche seine Sicht der Welt erklärt. Eine Art politisches Kabarett, eine feste Größe im prallen Veranstaltungskalender der linken Kreuzberger Szene. Eigentlich ein Heimspiel für den Grünen. 2002 gewann er hier das erste Direktmandat für die Partei überhaupt. Mit 31,6 Prozent ließ er die PDS hinter sich, die in der anderen Hälfte des Wahlbezirks stark ist. Friedrichshain-Kreuzberg ist einer von zwei Ost-West-Wahlkreisen in der Hauptstadt.

Gemüseschlacht zwischen Ost und West

Die kulturelle Trennung zwischen spießigem PDS-Milieu und Multi-Kulti-Gewimmel war immer klar und manifestiert sich in der alljährlich im September stattfindenden Gemüseschlacht auf der Oberbaumbrücke, die beide Teile des Bezirks trennt. Dann treffen sich Ossis und Wessis und bewerfen sich mit Tomaten und Salatköpfen. So zeigt man sich die gegenseitige Abneigung in einer Art Volksfest, ohne dass noch die Fäuste fliegen wie in früheren Jahren. Dabei haben beide durchaus ähnliche Probleme, vor allem die hohe Arbeitslosigkeit von jeweils rund 25 Prozent.

“Reformpolitik der Regierung ist falsch”

Doch die Linkspartei macht alles anders. Das bekommt Christian Ströbele im Cafe “Max und Moritz” zu spüren. Hier, wo um die Ecke jedes Jahr am 1. Mai Steine fliegen und Autos brennen, sitzt ein Gespenst mitten unter den Leuten: Oskar Lafontaine. Konnte sich der Urgrüne Ströbele, der Kriegsgegner und Ex-Terroristen-Verteidiger, 2002 noch unter Seinesgleichen fühlen, so schlägt ihm jetzt Aggression, ja fast schon Hass entgegen.

Hartz IV ist das Stichwort, auf das die alternative Klientel reagiert wie Strom: auf Wasser: Es blitzt und funkt und die Haare stehen ihr zu Berge. Hilflos versucht Ströbele, sich von der rot-grünen Regierung und der eigenen Partei abzusetzen. “Dass die Reformpolitik der Regierung falsch ist, wusste ich schon vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen”, sagt er. Gelächter ist die Antwort.