Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
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Von Dr. Seltsam zum 20. Mai 2005
In dem armen Lübeck, das sonst nichts hat an Weltkultur, was nicht aus dem Mittelalter stammt, der Zeit als Lübeck die reichste Stadt der Welt war, so reich vom See-Handel und See-Raub, daß sie ihre Kirchendächer mit Gold deckten, - in dem heute bitterarmen Lübeck ist immer irgendwie “Thomas Mann”, denn das lockt die Touristen an. Thomas Mann bedeutet in Lübeck ein Nebenzweig des Übernachtungsgewerbes,- der einzig florierenden Branche, nachdem sieben Werften, Häfen und Osthandel sämtlich perdu sind. 2003 feierte das Buddenbrook-Haus Jubiläum, 2004 war wieder irgendein “Thomas-Mann-Jahr” und 2005 haben die Reisemanager besonderes Glück, denn vor 50 Jahren starb der Meister persönlich, wenn auch fernab am Zürichsee. Dafür wirtefreundlich mitten im Hochsommer am 12. August 1955.
Wie ich den Lübecker Tourismus-Verein kenne, werden sie da ein wahres “Event” herausschlagen mit mindestens Feuerwerk am Travemünder Strand nebst Motoracing, Eisbar und Discogelärme für die Ruhrgebietstouristen, die noch nie ein Stück TM gelesen haben, warum auch, und, lass mich wetten, dem beschallerten Bundespräsidenten, der noch nie ein Stück TM verstanden hat, obwohl er als Sparkassenfilialleiter aus dem Niedergang des Handelshauses Buddenbrook vielleicht viel für seinen kapitalen Führerjob hätte lernen können. Aber er versteht nichts und wird dieses, wie schon am 8. Mai in Berlin, auch in Lübeck anhand von TM unter Beweis stellen.
Nein, sie liebten sich nie, die Stadt und ihr Dichter. Aber pünktlich ein Vierteljahr vor seinem Ableben hatten sie es gerade noch geschafft, ihrem ängstlich verachteten Heimatvertriebenen die Ehrenbürgerwürde aufzudrücken. Das geschah am 20. Mai 1955 und das feiert Lübeck heute. Thomas Manns Tagebuch, das sonst jeden kleinsten Anerkennungsfurz bräsig vermeldet, bleibt an diesem “Ehrentage” absichtsvoll wortkarg, es gab auch keine großen Reden mehr: “Komfortable Unterkunft. Viel Ehre, Devotion. Alles furchtbar laut. Auf der Fahrt zum Bahnhof salutierende Polizisten. Verabschiedungen. Erlöst im Schlafwagen allein! Nachtfahrt direkt nach Zürich.”
Grund dieser Verstimmung war die deutsche Teilung und der Antikommunismus, die “Grundtorheit dieses Jahrhunderts.” Im amerikanischen Exil war die Familie Mann schon Opfer von FBI-Ermittlungen geworden und stand auf der Verhörliste des “Unamerikanischen Comitees” von Senator McCarthy und seinem Hiwi, dem finsteren Nixon. Genervt siedelte er in die Schweiz um. Im Mai 1955 hatte TM seine letzte große Arbeit, die Schiller - Rede, sowohl in Stuttgart als auch in Weimar/DDR gehalten und war für diese mutige Geste vom westdeutschen Feuilleton wahrhaft mit Dreck überkübelt worden.
Das ging seit Jahren so. Selbst der Chefredakteur der provinzellen “Lübecker Nachrichten”, damals wie heute ein monopoles Scheißblatt, hatte TMs vorletzte Lübeckreise 1953 noch so kommentiert: “Einer der größten unter den Dichtern! Gewiß nicht unter den Politikern. Wenn er sich politisch äußerte, war es oft schwer, ihm zu folgen. Manchen Feind hat sich der alte Mann geschaffen, darunter viele, die es sehr ernst meinen.” Kurz: Thomas Mann soll endlich das Maul halten, sonst werden die Mächtigen es stopfen! Leicht bedrohlich im Kalten Krieg.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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