Eine Pop-Oper von Dr. Seltsam

Uraufführung in der Neuauflage der “Höhnenden Wochenschau” im Grünen Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin am 2. April 2003 mit der Schlagersängerin Irma Ladouce am Piano.

Zweite Aufführung im Kulturprogramm der Rosa-Luxemburg-Tagung der Jungen Welt in der FHTW Karlshorst am 8. Januar 2005 in Begleitung durch das Jazzorchester Prokopätz.

Gekürzt unter dem Titel “Nachtportier Adler. Hippiekultur, ins Gegenteil umgeschlagen: Hotel California, das einen nie mehr losläßt” in der Jungen Welt am 21. Januar 2005.

Weitervertont von der Hamburger Songgruppe Rotdorn)

Hören Sie mit Ihrem inneren Ohr den Popsong »Hotel California«, 1976 von der amerikanischen Softrockgruppe “Eagles” (Adler) eingespielt. Es blieb deren einziger Welterfolg: »Welcome to the Hotel California, what a lovely place, such a lovely place …« Die Eagles gehörten zu den bedauernswerten Gruppen, die einen großen Hit hatten, der bis heute in jedem Supermarkt zu Tode gedudelt wird, von denen man aber ansonsten nie wieder etwas Nennenswertes gehört hat. Die Musik läuft unter dem folgenden Text weiter. Falls Sie die CD besitzen, könnten Sie sie jetzt auflegen.

Es ist, aus Gründen, die mir nie ganz klar wurden, einer meiner Lieblingssongs aus den 70ern, vielleicht wegen ganz intimer Erinnerungen drumherum. Das »Hotel California« in dem Lied ist eine heruntergekommene Armenabsteige am Rande der Wüste, voller skurriler Gestalten; ein Ort, so geheimnisvoll, verzaubernd und gemütlich, daß man von dort einfach nie mehr wegkommt. Die Hotelgäste bleiben für immer. Ein lyrisches Bild für die existentialistische Gebundenheit des modernen Menschen an sein Geschick bei allen Möglichkeiten, aller Freiheit, die scheinbar da ist. Ein Ort, von dem man nicht loskommt.

Seit 30 Jahren gehört dieser melancholisch kitschige Song zur gefühlsmäßigen Grundausstattung alternder Popfans. Die bittersüße Stimmung der Musik verschränkt sich mit Jugenderinnerungen, verletzten Träumen und nebelhaften Bildern von ersten Küssen, frühen Lieben und Räuschen. Was der Film »Casablanca« für den Filmfan, ist »Hotel California« für die tiefen Schichten des Schlagergemüts: Dudelt der Song im Hintergrund bei Edeka, bleibt man noch drei Minuten länger im Laden, kurvt um die Regale herum und weiß nicht warum, legt aber eine Tafel Moccaschokolade oder einen großen gelben Vanillepudding extra in den Einkaufskorb. Aus Musik ist »muzak« geworden.

»Hotel California« steht für den unverletzbaren Persönlichkeitskern unseres Kinder-Ichs, das wir bis zum Lebensende schützen und behüten müssen, weil es uns heimisch sein läßt in der Welt. Ich hoffe, Ihre CD ist jetzt gerade beim Refrain angekommen und Sie lauschen, ein letztes Mal in aller Harmlosigkeit – Wissen verändert die Wahrnehmung.