Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Dezember 2004:
10 Jahre Club Existentialiste in Berlin, oder:
Den CLUB EX gibt es seit dem 4. April 1994, es war die erste Mix-Show in Berlin, er wurde aber nie so bekannt wie andere. Vielleicht ist das stets das Los der Pioniere. Meine Haltung war immer gegen Dummheit in der Kultur und reaktionären Unterhaltungsbeschiß. Mir spukten im Kopf herum die schrecklichen Jekami-Abende (“Jeder kann mitmachen”) im Sommer in den Badeorten: Aber statt wie dort das Mieseste aus den Menschen herauszukitzeln, wollte ich an das Beste appellieren, was mir auch zuweilen gelungen ist. Als ich einmal Bücher verloste mit Fragen wie: “Wer hat Rosa Luxemburg auf dem Gewissen?” (die SPD!) trat ein älterer Herr aus Steglitz auf die Bühne und flüsterte mir ins Ohr: “Mach weiter so, ich stehe auch zur Roten Fahne!”. Das war ein unerwarteter Glücksmoment. Manchmal reicht es eben aus, laut und deutlich zu sagen, was man denkt, damit andere ermutigt werden.
Das schönste Erlebnis im Club war, als Gerard Leo, der als Deutscher an französischen Partisanenaktionen gegen die SS teilgenommen hatte, in der Show aus seinem Leben erzählte. Es war mucksmäuschenstill, man hätte eine Nadel fallen hören, so aufmerksam waren die jungen Zuhörer, so mitreißend wirken bescheidene Zeitzeugenschaft und echtes Leben eines authentischen Rebellen, der der Todesstrafe mehrfach entkommen ist. Am Ende des Interviews fragte ich ihn: “Was würden Sie als Quintessenz dieser Erfahrungen sehen - Gegen deutsche Faschisten helfen nur Kalaschnikoffs?” Atemlose Spannung im Saal, wie er auf diese - von mir gern geübte - pathetische Provokation reagieren würde. Herr Leo lächelte verschmitzt und antwortete augenzwinkernd: “Wir hatten keine Kalaschnikoffs, wir hatten Sten Guns, die sind auch gut”. Es gab tosenden Applaus für eine gar nicht künstlerische Darbietung. Legendär bis heute für alle, die dabei waren.
So wünsche ich mir den Club: Kunst, linke Politik, Wahrhaftigkeit! Erfolg besteht darin, ob man das hinkriegt, nicht darin, ob tausend Leute kommen und die Abendkasse stimmt. Manchmal spielen eben nur Künstler für Künstler und manchmal werden Zuschauer zu Künstlern. Auch ich als legendär Unmusikalischer musste schon auf der Bühne singen oder in einer Jazzband das Vibrafon bedienen (“das b, das ist immer richtig…”)
Das hört sich zwar an wie Josef Beuys´ “Jeder ist ein Künstler”, aber Beuys war Naziflieger und so waren auch seine Ideen. Es ist eine der größten Taten der westdeutschen Mediokratie, eine hohle Nuß wie Beuys zum originellen Philosophen aufzujazzen. Die Parole “Jeder sein eigener Künstler!” war eine plumpe Parodie auf Grosz-Heartfields “Jeder sein eigener Fußball!”, und das war schon eine Parodie der Dada-Bewegung 1916. Die tiefe Humorlosigkeit sogenannter “origineller” Künstler erkennt man daran, daß sie ironische Programme ins Ernste umkippen und damit bei unserer gänzlich blöden Massenpresse natürlich Riesenerfolge haben. Bestes Beispiel ist die Volksbühne und Schlingensief: Das Konzept “Wähl dich selbst!” war von unserer wirklich zynischen KPD/RZ geklaut, da war es gut. Die Volksbühne macht aus allem, egal ob Shakespeare oder Obdachlose, nur folgenloses Kaspertheater. Ich bin so stolz zu sagen, daß ich das genaue Gegenteil will: Die Klassenkampf-Dramatik im Alltagsleben, in harmlosem Liedgeträller politische Tiefen entdecken. Eine Alexandra-Parodistin habe ich mal so angesagt: “Als dieses Lied vom Zigeunerjungen die Hitparaden stürmte, ging die Kripo wieder auf Zigeunerjagd, anhand der alten Landfahrerlisten aus dem Reichssicherheitshauptamt - und jetzt viel Spass!”. Ich hoffe immer, die Dummen gehen dann.
Das ist mir sogar manchmal gelungen, ein paar Beispiele gibt es. Wir feierten meinen 5O. Geburtstag ganz groß im Chamäleon, am Ende gab es ein Kölner Karnevalsquatschlied zum Lobe des Kommunismus, und plötzlich schunkelten alle mit, sogar Ströbele und verschiedene MdBs und der nächste Innenminister, Stadler von der FDP, alle jubelten unter roten Fahnen “Wir treten der Bourgeoisie gewaltig in den Arsch!” und hatten Tränen in den Augen - vor Lachen. Aber ganz im Hintergrund spürte man doch, was für eine gewaltige Kraft im Kommunismus stecken könnte - trotz alledem.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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