“Gleich erwürge ich jemanden”

Der Berliner Kabarettist Wolfgang Kröske, alias Dr. Seltsam, hat eine neue Show

Junge Welt Ansichten, 6. November 2004

Neue Lesebühne in Kreuzberg. “Dr. Seltsams Frühshow” ist vorbei, wenn die Leute betrunken unter den Tisch fallen.

Ein Gespräch mit Wolfgang Kröske
Interview: Heinrich Hecht

Frage: “Dr. Seltsams Frühschoppen” war angeblich die älteste Lesebühne Berlins.

Lesebühnen wurden 1910/1911 im Scheunenviertel von Leuten gegründet, die zu arm waren, eigene Kulissen zu malen. Die Mutter aller modernen Lesebühne war die “Höhnende Wochenschau”, 1989 gegründet von Leuten, die aus der taz rausgeflogen waren, Wiglaf Droste, Helmut Höge, Stein, quasi alle, die jetzt auch in JW schreiben. Daraus entstand “Dr. Seltsams Frühschoppen”, der bis letzten Sonntag existierte. Meine neue Show ist jeden Sonntag, 13.00 Uhr, im “Max und Moritz” zu sehen, sie heißt “Dr. Seltsams Frühschau”. Die anderen netten Kollegen machen mit einem “Der Frühschoppen” weiter nette Alltagstexte.

Frage: Die Trennung hat Gründe.

Einer der letzten Magenumdreher war, daß ich bei Anti-“Hartz”-Demonstrationen auftrat, angekündigt als Dr. Seltsam von “Dr. Seltsams Frühschoppen”, und die Leute mußten dann in der Show selbst erleben, daß eine Kollegin als Sozialhilfeempfängerin “Hartz” Klasse findet, weil sie ab Januar 13 Euro mehr kriegt. Damit war ein Maß an Dummheit erreicht, mit dem ich mich nicht mehr identifizieren konnte, auch nicht auf der Lachebene. Sogar die Titanic schrieb im Oktober, daß wir nur noch das Niveau von Frauenzeitschriften hätten. Ich führe einen jahrelangen Streit um polemischere, staatsfeindliche, wenn man so will, linke Texte und habe das Außenimage von Frauenzeitschriften!

Frage: Ich hatte schon vor fünf Jahren den Eindruck kleinbürgerlicher Narrenpopelei.

Ich habe manchmal da gesessen und gedacht, gleich springe ich auf und erwürge jemanden. Es hieß immer nur “Dr. Seltsams Frühschoppen”, war aber eine kollektive Show.

Frage: Die anderen Kollegen schreiben in merkwürdigen Blättern wie taz und zitty traurige Dinge, über denen “Satire” steht. Endet Humor immer mit Weinen?

Bei mir finden mehr direkte Politik und Musik statt. Die Vermischung mit privaten Dingen interessiert mich nicht.

Frage: Also weniger Menstruationsprobleme, aber mehr Frauenfragen?

Weniger “Wie baue ich ein Ikea-Regal auf?”, sondern “Wie schindet Ikea rumänische Gefängnisinsassen?”.

Frage: Kommerziell erfolgreicher Humor ist Fernsehhumor, also Selbstbefummelung. Funktioniert ein angeblich linksradikales Programm ausgerechnet noch in Kreuzberg, dem Hort alter satter Menschen?

Das “Max und Moritz” ist ein Ort mit 100jähriger Tradition. Ich gehe nicht dahin, weil es ein linker Ort ist, sondern weil es da schönes Essen und gutes Bier gibt. Die intelligente Konstruktion am “Frühschoppen” war ja, daß ich meine politischen Thesen gebracht habe, mit mäßig Beifall, und dann die Kollegen mit den richtig tollen Sachen ankündigte. Die Kollegen haben gesagt, du bist nie lustig, du benutzt uns, kein Mensch interessiert sich für deine linken Thesen. Die wollten Humor. Und nun werden wir sehen, was das ist.

Frage: Wo genau findet man das “Max und Moritz”?

Am Boulevard Kreuzbergs, Oranienstraße 162. Am Moritzplatz. Hängt ein großes Schild draußen: “Max und Moritz”.

Frage: Wer wird außer Ihnen brillieren?

Horst Schwertfeger z. B., von der ganz alten “Wochenschau” ist wieder mit dabei ist. Das Neue ist, daß ich mir immer einen musikalischen Komoderator suche. Das wird spannende Kämpfe geben. Und ich werde immer einen Menschen einladen, der im weitesten Sinne politisch ist. Der Untertitel ist “Lachen, Musik und Geheimnis”. Und für das Geheimnis sind diese Leute zuständig, die sollen sich um Kopf und Kragen reden. Etwa so, daß Gregor Gysi, der mir noch einen Auftritt schuldig ist, erklärt, daß er zur SPD übertritt oder so.

Frage: Also das Zentrum linker Politik ist jetzt immer sonntags bei Ihnen?

Danke, daß Sie den Größenwahn aussprechen.

Frage: Das Finanzierungsmodell bleibt im “Max und Moritz” dasselbe?

Eintritt frei, Spenden sind erwünscht. Das ist eine stärkere Selbstkontrolle, als jedes andere Theater sie mit Publikumsumfragenausübt.

Frage: In welchem Verhältnis werden Bier und Politik stehen?

Das ist ganz einfach. Ich bin als der pünktlichste Kabarettist der Welt bekannt. Es geht Punkt eins los. Die Show ist vorbei, wenn die Leute betrunken unter den Tisch fallen. Kaffee und Bier sind notwendig fürs Gemeinschaftserlebnis.